Philipp Grüll und Frederik Obermaier

„Salmonellenausbruch - Die Spur führt nach Niederbayern“

21.10.2016

Im Sommer 2014 stieg die Zahl von Salmonellen-Erkrankungen in ganz Europa an. Die Spur und der genetische Fingerabdruck der Erreger führen bald zur niederbayerischen Firma Bayern-Ei. Das decken die beiden Redakteure Philipp Grüll (Bayerisches Fernsehen) und Frederik Obermaier (Süddeutsche Zeitung) auf. Dafür erhalten sie den Hermann-Schulze-Delitzsch-Preis für Verbraucherschutz 2016.


Philipp Grüll und Frederik Obermaier, Süddeutsche Zeitung vom 21. Mai 2015 zum Salmonellenskandal bei Bayern-Ei

Süddeutsche Zeitung vom 21. Mai 2015: Artikel herunterladen (PDF)


Video: „Kontrovers“ vom 20. Mai 2015



Begründung der Jury


„Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit stieg die Zahl von Salmonellen-Erkrankungen im Sommer 2014 in ganz Europa an. Allein 150 Erkrankte im englischen Hampshire, auch in Frankreich, Österreich, Deutschland und Luxemburg kommt es zu einer Häufung und sogar zu zwei Todesfällen. Fieberhaft wird nach der Herkunft der auslösenden Salmonellen gesucht. Die Spur und der genetische Fingerabdruck der Erreger führen bald zu einer der größten Eierfabriken Deutschlands, der niederbayerischen Firma Bayern-Ei. Das decken die beiden Redakteure Philipp Grüll (Bayerisches Fernsehen) und Frederik Obermaier (Süddeutsche Zeitung) auf und setzen mit einer hartnäckigen Gemeinschaftsrecherche an.

Seit Jahrzehnten werde der Betrieb mit Tierquälerei und Missachtung von Gesetzen in Verbindung gebracht, berichten die Autoren. Schon 1996 wurde Unternehmer Anton Pohlmann angeklagt und verurteilt, weil er im Stall Nikotin zur Schädlingsbekämpfung versprüht hatte. Rechtsverstöße – wie tote Tiere nicht aus den Käfigen herauszunehmen und damit die Infektionsgefahr zu vermehren – seien an der Tagesordnung. Hierin bestünde ein immenses Versagen der Behörden, die diese Zustände zu lange nicht bemerkt und Kontrollen nachlässig betrieben hätten.

Tierschützer werden zitiert. Sie sagen, dass die Macht des umsatzstarken Wirtschaftsunternehmens dazu geführt habe, dass die Firma in der Vergangenheit mit „Samthandschuhen“ angefasst wurde, und sogar vor Kontrollen gewarnt wurde. Mit verheerenden Folgen: Am Ende des Salmonellen-Ausbruchs sind mehr als 500 Menschen erkrankt und mutmaßlich drei an den Folgen gestorben.

Im Kontrovers-Beitrag sowie mit einer „Seite Drei“ und umfangreichen Nachdreher-Artikeln der Süddeutschen Zeitung wurden die Recherchen veröffentlicht. Das TV-Feature aus dem Bayerischen Fernsehen und die flankierenden SZ-Artikel sind sehr hintergründig, investigativ – und Medienhaus übergreifend – recherchiert. Heimliche Aufnahmen aus einem Bayern-Ei-Stall in Ettling werden gezeigt.

Die Autoren befragen betroffene Patienten aus Birmingham, die Agentur für Ernährungssicherheit in Österreich, das Robert Koch-Institut, den Verein Soko Tierschutz, die europäische Behörde European Food Safety Agency, das Landesamt für Lebensmittelsicherheit, die Bundestierärztekammer. Sie unternehmen etliche Versuche, an die Familie und an Mitarbeiter heranzukommen – und schaffen es schließlich auch.

Oft gewinnt der Leser den Eindruck, die Reporter recherchieren gegen Schweigekartelle an. Auch bei den politisch Verantwortlichen wird ausdauernd und hartnäckig nachgefragt, beim zuständigen Landratsamt in Niederbayern, bei der Landtagsopposition und bei der bayerischen  Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf. Diese immense Rechercheleistung ist nicht hoch genug einzuschätzen. Besonders das Aufdecken der behördlichen Defizite, das ist Verbraucherschutz im besten Sinne.

Der Kontrovers-Beitrag ist  handwerklich einwandfrei gemacht. Er ist ungeheuer spannend, kurzweilig und informativ. Auch die Artikelserie aus der Süddeutschen Zeitung ist herausragend, vor allem die „Seite Drei“. Die Veröffentlichung war 2015 ein Paukenschlag. Die Wucht der Geschichte hat etwas bewegt und in Gang gesetzt: Sie führte zu zahlreichen Sondersitzungen im Bayerischen Landtag und zur Inhaftierung von Firmenbesitzer Stefan Pohlmann. Die juristische Aufarbeitung des Falls dauert trotz seiner zwischenzeitlichen Freilassung an.

Besser kann man sich nicht für Verbraucherschutz einsetzen. Was wäre, wenn die Missstände nicht aufgefallen wären, wenn nicht weiterrecherchiert worden wäre? Die Geschichte beweist, dass es richtig und wichtig ist, sich nicht abwimmeln zu lassen. Das ist die reine Lehre des Journalismus und damit preiswürdig.“



Fragen an die Preisträger


Philipp Grüll (links) und Frederik Obermaier (rechts)Wie sind Sie auf die Idee für den Beitrag gekommen?

Grüll und Obermaier: Am Anfang bekamen wir einen vagen Hinweis: Eier des größten bayerischen Produzenten, der Firma Bayern-Ei, hätten im Jahr 2014 Salmonellenfälle in mehreren Ländern ausgelöst. Tatsächlich stießen wir nach kurzer Internetrecherche auf einen Bericht der europäischen Seuchenschutzbehörde, in dem die Rede von einem „multi-country outbreak“ war – einem Ausbruch in mehrerenLändern. Auch in der englischen, französischen und österreichischen Presse fanden wir Artikel über eine mysteriöse Erkrankungswelle. Nur in Deutschland, wo es auch Erkrankungen gab und wo angeblich die Quelle des Ausbruchs lag, hatte die Öffentlichkeit interessanterweise kein Wort über den Salmonellenausbruch erfahren. Als uns dann auch noch klar wurde, dass es sich bei Bayern-Ei-Besitzer Stefan Pohlmann um einen Unternehmer handelt, der bei Verbraucher- und Tierschützern berüchtigt ist, dachten wir uns: Der Sache wollen wir auf den Grund gehen.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie bei der Recherche des Themas konfrontiert?

Grüll und Obermaier: Zunächst hatten wir vor allem das Unternehmen im Blick, aber bald fragten wir uns: Warum haben die Behörden die Auslieferung von Salmonellen-Eiern nicht verhindert und die Öffentlichkeit nicht informiert? Je detaillierter unsere Anfragen wurden, desto zögerlicher kamen die Antworten und desto kürzer wurden sie. Die bayerische Verbraucherministerin Ulrike Scharf verweigerte uns ein Interview und zum Teil mussten wir mit Eilklagen vor dem Verwaltungsgericht drohen, um überhaupt noch schriftliche Antworten zu bekommen. Dazu kommt, dass wir zwar die Akten des Bundeslandwirtschaftsministeriums und verschiedener Bundesbehörden einsehen konnten, dass das bayerische Ministerium aber seine Dokumente zum Fall Bayern-Ei unter Verschluss hält. Eine Akteneinsicht nach dem sogenannten Verbraucherinformationsgesetz macht das Ministerium mit horrenden Gebühren so gut wie unmöglich. Alleine für die Auskunft, welche Akten dafür infrage kommen, veranschlagt die Behörde fast 25.000 Euro.

Worin liegt Ihr persönlicher Erkenntnisgewinn?


Grüll und Obermaier:
Auch wenn noch viele Fragen offen sind, ist für uns eindeutig: Die bayerischen Behörden reagierten im Sommer 2014 auffällig zögerlich, als wegen verseuchter bayerischer Eier europaweit hunderte Menschen an Salmonellen erkrankten. Womöglich hätte der Tod von Menschen verhindert werden  können, wenn die Behörden schneller gehandelt hätten. Die Recherche hat uns gezeigt, dass man mit einem langen Atem und Hartnäckigkeit Worthülsen und Faktenverdreherei von Politikern und Ministerien entlarven kann. So hat Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf versucht den Fall herunterzuspielen, indem sie behauptete, in bayerischen Supermärkten gebe es gar keine Käfigeier zu kaufen. Folglich habe für die Bevölkerung keine Gefahr bestanden. Als wir nachweisen konnten, dass Eier der Firma Bayern-Ei sehr wohl in bayerischen Supermarktregalen standen, musste sie ihre Aussage  zurücknehmen.