Präsident des Bayerischen Handwerkstags im Interview

„Finanzmärkte nicht zulasten der Wirtschaftskraft stabilisieren“

20.12.2016

Dem bayerischen Handwerk geht es blendend. Doch der neue Präsident des Bayerischen Handwerkstags, Franz Xaver Peteranderl, muss sich auch mit einigen Herausforderungen beschäftigen. Dazu gehören der Fachkräftemangel oder die Auswirkungen der Bankenregulierung auf die mittelständische Wirtschaft. Ein Interview.


76,5 Milliarden Euro setzten die bayerischen Handwerksbetriebe in den ersten drei Quartalen 2016 um.


Herr Peteranderl, dem bayerischen Handwerk geht es blendend. Trotz rosiger Zahlen: Welche Herausforderungen müssen Sie meistern?

Peteranderl:
Als oberste Herausforderungen sehe ich die Sicherung der Nachwuchs­ und Fachkräfteversorgung sowie den Schutz des hohen Qualifikationsniveaus im Handwerk. Der Meistervorbehalt fördert die Berufsausbildung und ist mitverantwortlich für die geringe Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland. Ebenso müssen unsere Betriebe dabei unterstützt werden, die Digitalisierung schnell und möglichst ohne Reibungsverluste in ihren betrieblichen Alltag zu integrieren. Außerdem ist erforderlich, verstärkt für ein handwerksfreundliches Klima einzutreten. Das gilt von den Kommunen bis hinauf zur EU.

Wie steht es um die Finanzierungssituation des bayerischen Handwerks?

Franz Xaver PeteranderlPeteranderl: Die momentane Finanzierungssituation würde ich allgemein als gut bewerten. Das zeigt sich auch an der aktuell höheren Rendite und den steigenden Eigenkapitalquoten unserer Betriebe. Allerdings gilt das tendenziell mehr für die großen und etablierten und weniger für die kleinen und jungen Unternehmen. Diese klagen immer wieder über einen erschwerten Zugang zu Krediten, da sie die betriebswirtschaftlichen Planungs­- und Dokumentationserfordernisse nicht so einfach erfüllen können wie Großbetriebe. Auch die zunehmenden Regulierungen, wie sie verschärft durch Basel IV drohen, könnten die Kreditvergabe der Banken weiter erschweren – zum Nachteil unserer Betriebe.

Franz Xaver Peteranderl

Wie wichtig sind Regionalbanken für die Finanzierung der Betriebe?

Peteranderl: Die Regionalbanken – Genossenschaftsbanken wie Sparkassen – zählen zu den wichtigsten Hausbanken des Handwerks. Bislang stehen sie für eine kostengünstige und zuverlässige Kreditversorgung unserer Betriebe. Ich hoffe, dass dies weiterhin so bleibt, auch wenn manche politische Vorgaben es den Kreditinstituten nicht unbedingt einfacher machen.

Sehen Sie Optimierungsbedarf in der Zusammenarbeit zwischen Regionalbanken und dem Handwerk?

Peteranderl: Die Regionalbanken und das bayerische Handwerk verbindet eine langjährige und bewährte Partnerschaft. Diese ist die Basis für die Schaffung und Sicherung von attraktiven Arbeits­ und Ausbildungsplätzen. Wenn Probleme auftauchen, sind die Wege glücklicherweise kurz genug, um miteinander zu reden und Abhilfe zu schaffen.

Die EU­-Kommission will für Wachstum und Beschäftigung sorgen, indem sie kleinen und mittleren Unternehmen den Zugang zu den Kapitalmärkten erleichtert. Ist das für Handwerksbetriebe eine realistische Finanzierungsalternative zum Kredit?

Peteranderl: Alternative Finanzierungsinstrumente können die klassische kreditbasierte Unternehmensfinanzierung im Handwerk ergänzen, aber nicht ersetzen. Bei einem hohen Investitionsvolumen kann eine Finanzierung über den Kapitalmarkt eine Alternative sein. Ebenso wie beispielsweise die Mittelbeschaffung per Crowdfunding. Es bestehen aber durchaus unterschiedliche Finanzierungskulturen in den Mitgliedsstaaten; unsere kleinen und mittleren Unternehmen finanzieren sich nach wie vor bevorzugt durch Kreditaufnahme bei Banken und Sparkassen.

Sie haben es bereits angesprochen: Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht berät derzeit über eine Reform der Basel III­-Regeln. In der Folge würden die Eigenkapitalanforderungen bei Banken weiter steigen. Welche Auswirkungen hätte das für das Handwerk?

Peteranderl: Die Rechnung ist ganz einfach: Je mehr Eigenkapital die Banken für Unternehmenskredite hinterlegen müssen, desto weniger kann an Krediten ausgereicht werden. Die Verknappung des Kreditangebots würde unweigerlich die Kreditkonditionen verteuern. Das Handwerk könnte nur noch eingeschränkt investieren. Das geht auch auf Kosten der Innovationen. Die Stabilisierung der Finanzmärkte darf daher nicht zulasten der Wirtschaftskraft gehen.

Immerhin hat sich die EU­-Kommission für den Erhalt und eine Ausweitung des KMU­Korrekturfaktors ausgesprochen:

Peteranderl:
Es ist zumindest ein erster Schritt. Der KMU-­Korrekturfaktor ist wichtig, damit die bayerischen Regio­nalbanken Handwerk und Mittelstand trotz erhöhter Eigenkapitalanforderungen weiterhin mit Krediten versorgen und die Mittelstandsfinanzierung sicherstellen können.

Die Umsetzung der Wohnimmobilienkreditrichtlinie in deutsches Recht hat dazu geführt, dass Banken die Immobilienkreditvergabe an bestimmte Bevölkerungsgruppen deutlich restriktiver handhaben müssen. Ist das auch ein Thema für das Handwerk und für Sie als Bauunternehmer?

Peteranderl:
Und ob! Wenn beispielsweise Rentner und junge Familien Investitionen ins eigene Heim künftig reduzieren, weil die Banken bei der Kreditvergabe viel restriktiver vorgehen müssen, hat das natürlich besondere Auswirkungen auf die Bau­ und Ausbaubranchen. Alleine in Bayern gibt es über 96.600 Betriebe des Bau­ und Ausbaugewerbes, das sind 48 Prozent aller Handwerksbetriebe. Dort sind über 361.000 Personen beschäftigt, 40 Prozent aller Beschäftigten des bayerischen Handwerks. Hinzu kommen mehr als 26.300 Lehrlinge, die in bayerischen Bau­ und Ausbaubetrieben ausgebildet werden. Hierbei handelt es sich um 37 Prozent aller Auszubildenden. Diese Arbeits­ und Ausbildungsplätze hängen auch von einer regen Bautätigkeit ab. Mit der Umsetzung der EU­Wohnimmobilienkreditrichtlinie in deutsches Recht ist der Gesetzgeber übers Ziel hinausgeschossen. Hier muss dringend nachgebessert werden.

Die Frage der Unternehmensnachfolge wird auch für viele bayerische Handwerker immer drängender. Sind Genossenschaften an dieser Stelle eine Möglichkeit, den Betrieb in geeignete Hände zu übergeben?

Peteranderl: Im bayerischen Handwerk werden in den kommenden zehn Jahren Nachfolgerinnen und Nachfolger für rund 40.000 Betriebe mit rund 200.000 Beschäftigten und Auszubildenden gesucht. Etwa die Hälfte der Unternehmen wird innerhalb der Familie übergeben, ein Viertel wird von einem Mitarbeiter weitergeführt. Das heißt, dass wir ungefähr 10.000 Betriebe haben, deren Zukunft nicht gesichert ist. Für diese müssen wir praktikable Lösungen finden. Sicher eignet sich nicht jeder Betrieb dafür, in einer Genossenschaft aufzugehen, unter anderem weil er dann auch dem Handelsrecht unterliegen würde. Aber in bestimmten Fällen ist eine Genossenschaft sicher eine Möglichkeit, die Fortführung des Unternehmens zu sichern. Bei Fragen zur Betriebsübergabe empfehle ich, Kontakt mit den Betriebsberatern in den Handwerksorganisationen aufzunehmen.

Herr Peteranderl, herzlichen Dank für das Gespräch!


Das Interview in ganzer Länge ist in der Dezember-Ausgabe von "Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt" erschienen.