Preisträger Maximilian Zierer und Christiane Hawranek

„Unter Beobachtung“

09.10.2015

Tausende Kameras überwachen die Bürger in Bayern auf Schritt und Tritt - und kaum einer weiß etwas darüber. Christiane Hawranek und Maximilian Zierer haben sich für den Bayerischen Rundfunk auf Spurensuche begeben und am 30. November 2014 die Hörfunk- und Webreportage „Unter Beobachtung: Wie Überwachungskameras unser Leben ausspähen“ veröffentlicht. Die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken haben ihnen dafür den Hermann-Schulze-Delitzsch-Preis für Verbraucherschutz verliehen.


Video: Die Preisträger über ihren Beitrag (zum Abspielen bitte auf das Bild klicken)



Begründung der Jury


„In der Hörfunk- und Web-Reportage nehmen die beiden Autoren die bedenkliche Zunahme von Überwachungskameras zum Anlass, tiefgründig in das Thema einzudringen. Vor allem in öffentlichen Räumen wie Schulen, Fußgängerzonen und Bahnhöfen würden die Videokameras den Bürgern Sicherheit suggerieren. Allein am Marienplatz in München seien 18 Kameras vorzufinden, 2012 seien es allein in Bayern 17.000 gewesen. Was aus den gespeicherten Bildern und Aufzeichnungen wird, bleibe intransparent. Viele Bürger seien sich der teils versteckten Kameras gar nicht bewusst. Dass die Überwachung immer verhältnismäßig sein müsse, wie es das Bayerische Datenschutzgesetz vorsieht, sei im Hinterkopf der Überwachenden und Überwachten nicht verankert.

Hörfunk- und Webspezial-Reportage sind äußerst aufwendig und hartnäckig recherchiert: Der Landesbeauftragte für Datenschutz in Bayern mahnt die Verhältnismäßigkeit an. Dass Flaschen zu Bruch gingen auf Schulhöfen, rechtfertige eine Überwachung keineswegs. Das Bayerische Innenministerium, das den Ausbau der Videoüberwachung und seine vorbeugende Funktion rühmt, wird zitiert. Experten-Studien zur „intelligenten Überwachung“ werden vorgestellt, die daran zweifeln lassen, dass Kameras an öffentlichen Plätzen gerechtfertigt seien. Straftaten würden mehr im Affekt passieren, Kameras würden Täter nicht abschrecken. Zudem würden nur 0,6 Prozent der Straftaten zum Beispiel auf Bahnhöfen aufgeklärt – trotz der Kameras. Zu Wort kommen auch der Rektor einer kameraüberwachten Schule und eine Landtagsabgeordnete der Grünen, die von einem massiven Problem der Intransparenz spricht.

Das Dilemma zwischen Sicherheit, Abschreckung und Datenschutz wird in der Reportage trefflich herausgearbeitet. Die Webreportage vertieft mit einer kunstvollen Verknüpfung multimedialer Darstellungsformen: Videos und Bilderwelten, die den im Hörfunkstück Zitierten ein Gesicht geben und die umfassenden Daten und Fakten grafisch aufbereiten und damit verständlich und einprägsam machen. Gerade im Interview mit dem Rektor zeigt der Beitrag seine große Stärke, ja Exzellenz: Wie geschickt die Autorin den Schulleiter zum Reden bringt. Wie offenherzig dieser Sätze von fast orwellschem Ausmaß von sich gibt. Den hohen Verbraucher-Nutzwert dieser Geschichte macht gerade die Aufklärung über die massive Überwachung an den Schulen aus. Darüber, dass das Plus an Sicherheit eine Illusion bleibt und auf Kosten der Privatsphäre der Bürger, sogar schon der Kinder, geht. Ein exzellentes Kompendium und damit preiswürdig.



Interview mit den Preisträgern


Wie sind Sie auf die Idee für Ihren Beitrag gekommen?

Maximilian Zierer: Im Sommer 2014 hat der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann verkündet, die Videoüberwachung in Bayern ausbauen zu wollen, man habe außerdem wichtige Ermittlungserfolge durch die Videoüberwachung erzielen können. Ich wollte deshalb wissen, wo es in Bayern überhaupt Überwachungskameras gibt. Dabei bin ich auf eine Antwort der Bayerischen Staatsregierung auf eine Anfrage der Grünen gestoßen, in der alle Kameras aufgelistet sind, die sich im Freistaat befinden, insgesamt 17.000.

Christiane Hawranek: Wir haben uns dann zu einem Rechercheteam zusammengeschlossen, um das Thema von verschiedenen Seiten zu beleuchten: Datenschutz, das Schlagwort der „gefühlten Sicherheit“ und vor allem die Situation an den bayerischen Schulen. Die Idee für ein Webspecial entstand mit Christina Teuthorn-Mohr, Carola Brand hat den Funkstreifzug auf B5 Aktuell betreut. Ohne die beiden Redakteurinnen wäre die Recherche so nicht möglich gewesen.

Mit welchen Herausforderungen wurden Sie bei der Recherche des Themas konfrontiert?

Zierer: Weil die Standorte der Überwachungskameras nicht als offene Daten verfügbar sind, mussten wir mit einem Datensatz arbeiten, der nicht auf dem aktuellsten Stand war und nur im PDF-Format vorlag. Um die Daten auswerten zu können, mussten wir sie zunächst in maschinenlesbare Form umwandeln. Auf eine erneute Anfrage der Grünen-Fraktion antwortete die Staatsregierung lapidar, es sei zu viel Aufwand, neue Daten zu erheben.

Hawranek: Auf der Liste standen auch 172 Schulen, die teilweise mit bis zu 17 Kameras überwacht werden – das erinnert eher an einen Hochsicherheitstrakt als an eine Schule. Wir haben eine Umfrage gemacht, um herauszufinden, ob die Datenschutzbestimmungen eingehalten werden. Ergebnis: Bei mehr als der Hälfte der befragten Schulen gab es Mängel. Hinweisschilder fehlen; konkrete Vorfälle, die eine Überwachung rechtfertigen, konnte kaum jemand nennen, teilweise wird sogar der Ton mit aufgezeichnet – das ist nicht erlaubt.

Worin liegt Ihr persönlicher Erkenntnisgewinn?

Zierer: Uns war bis dahin überhaupt nicht bewusst, dass so viele Kameras im öffentlichen Raum installiert sind. Die exakte Zahl, wie viele es sind, weiß niemand. Das ist schon erstaunlich, weil sie ja mit Steuergeld finanziert sind. Dabei sorgen Kameras eben nicht unbedingt für mehr Sicherheit, sondern es gibt teilweise sogar gegenteilige Effekte – zum Beispiel bei der Zivilcourage. Die Videoüberwachung ist also eher ein politisches Instrument als ein Mittel, um Verbrechen zu verhindern, eine Art „Green Washing“ für Sicherheitspolitiker.

Hawranek: Wir haben außerdem festgestellt, dass man sich bei Behördenanfragen nicht allzu schnell mit einer Antwort zufriedengeben sollte. Das Bundesinnenministerium schrieb uns beispielsweise zunächst eine Antwort, die suggerierte, die Aufklärungsquote durch Videoüberwachung liege bei 80 Prozent. Wir haben nochmal nachgehakt und eine ziemlich ernüchternde Antwort bekommen: An Bahnhöfen liegt die Aufklärungsquote durch Videoüberwachung bei 0,6 Prozent der Delikte.


ÜberwachungskameraDie ausgezeichnete Webreportage von Maximilian Zierer und Christiane Hawranek zum nachlesen und anschauen