Preisträger Sebastian Heinrich

„Der alte Mann und die Donau“

09.10.2015

Otto Maier ist einer der letzten Donaufischer Ostbayerns – und gleichzeitig Seniorchef eines modernen Fischimperiums. Sebastian Heinrich stellt ihn in einem Portrait vor, das in der Mittelbayerischen Zeitung vom 25. August 2014 erschienen ist. Die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken haben ihn dafür mit dem Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Preis zum Thema wirtschaftliche Bildung ausgezeichnet.


Video: Sebastian Heinrich über seinen Beitrag. (zum Abspielen bitte auf das Bild klicken)



Begründung der Jury


„Jetzt ist er wieder da, der Hurenwind“ – schon der Einstieg in diese herausragende Reportage über einen der letzten Donaufischer Ostbayerns ist preiswürdig. Denn damit packt Sebastian Heinrich den Leser. Er zieht ihn in die Geschichte, lässt ihn den Kampf des Fischers mit dem Wind auf der Donau spüren. Und er eröffnet den Spannungsbogen, der bis zum Schluss gehalten wird.

In der Reportage begleitet der junge Autor Otto Maier beim Fischfang. Und der Leser sitzt mit auf dem Boot, er dringt förmlich in das Reich des Fischers ein. Das ist exzellent gemacht. Exzellent ist auch, wie der Autor es schafft, Widersprüche aufzuzeigen in der Person der Fischers, ohne sie direkt zu benennen. Sie finden sich vielmehr subtil zwischen den Zeilen. Da ist das Dilemma, in dem sich der Traditionsfischer befindet, wenn er das Konsumverhalten der Menschen für das Schrumpfen der Donaufischerei verantwortlich macht. Die würden immer mehr importierten Salzwasser-Zuchtfisch verzehren – günstig, mit Fischmehl hochgepäppelt und mit Antibiotika am Leben gehalten.

Als Senior-Chef macht er aber einen Großteil seines eigenen Geschäfts mit nicht-nachhaltigen Fisch-Importen aus aller Welt und beliefert Großmarktketten. So wird die Nachhaltigkeit des Donaufischens schnell als nostalgische Sehnsucht enttarnt.

Dieser Widerspruch löst beim Leser eine ganze Reihe von Denkprozessen aus. Das ist das Großartige an diesem Artikel, dass er gerade nicht alle Fragen beantwortet und so stark nachwirkt. Nur damit kann echtes Kopfkino entstehen, verbunden mit einem leichten Unbehagen, was die porträtierte zwiespältige Figur des Donaufischers anbelangt. Vielleicht gerade weil man sich mit dem Fischer in keiner Weise identifiziert.

Dennoch liest man die Reportage mit großem Gewinn. Sebastian Heinrich hat ein besonderes, für die Region, die Donau und die einheimischen Menschen relevantes Thema für seine Tageszeitung entdeckt und großartig aufbereitet. Das hat er in der handwerklichen Umsetzung herausragend getan. Hierfür gebührt ihm dieser Preis.

Interview mit dem Preisträger


Wie sind Sie auf die Idee für Ihren Beitrag gekommen?

Der Anstoß, Donaufischer Otto Maier zu porträtieren, war ein Porträtreportage-Seminar bei der Akademie der Bayerischen Presse. Den anderen Seminarteilnehmern und Seminarleiterin
Karin Steinberger von der Süddeutschen Zeitung gebührt viel Dank: Die intensive Vorbesprechung und das detaillierte Textfeedback im Seminar haben mich bei Recherche und Text-Feinschliff enorm weitergebracht. Otto Maier ist mein Protagonist geworden, weil er am eigenen Leib den
unfassbaren Wandel erlebt hat, den die Fischerei in wenigen Jahrzehnten durchgemacht hat – von einem handwerklich geprägten Gewerbe, das etwa an Bayerns Flüssen und Seen abertausende Menschen ernährt hat hin zu einer globalen, maßlos agierenden Industrie.

Mit welchen Herausforderungen wurden Sie bei der Recherche des Themas konfrontiert?

Vor allem war die Recherche spannend. Es war spannend, Otto Maier zuzuhören, ihn zu beobachten – und aus den Gesprächen mit Mitarbeitern, Familienmitgliedern seinen Charakter und seine Lebensphilosophie zu verstehen. Und es war nicht minder spannend, sich einzulesen in die Auswüchse und Perversionen der globalen Fischerei.

Worin liegt Ihr persönlicher Erkenntnisgewinn?

Ich habe an Otto Maiers Biographie nachempfunden, wie heftig sich wirtschaftlicher Strukturwandel auf eine einzelne Person auswirken kann. Und ich habe gesehen, wie einschneidend für manche Menschen Eingriffe in die Natur sein können – in diesem Fall der Donau-Ausbau.


Der ausgezeichnete Beitrag von Sebastian Heinrich zum Herunterladen (PDF)