Preisträgerin Susanne Weiß

„Dorfläden - eine bedrohte Idylle“

09.10.2015

Kleine Läden kämpfen oft ums Überleben, vor allem auf dem Land. Schließen solche Geschäfte, fehlt die Nahversorgung – und ein Treffpunkt im Dorf. Doch viele Bürger wollen das nicht akzeptieren – und haben kreative Ideen. Die stellt Susanne Weiß in ihrer Reportage vor, die am 12. November 2014 im Münchner Merkur/Tölzer Kurier erschienen ist. Die Bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken haben sie dafür mit dem Förderpreis für junge Journalisten ausgezeichnet.


Video: Preisträgerin Susanne Weiß (zum Abspielen bitte auf das Bild klicken)



Begründung der Jury


„Es gibt immer weniger kleine Lebensmittelgeschäfte in den ländlichen Gemeinden Bayerns. Dieser dramatischen Entwicklung nimmt sich Autorin Susanne Weiß in ihrer Reportage an. Vor allem die Ansiedlung der großen Supermarktketten auf der grünen Wiese sei ausschlaggebend dafür. Die junge Redakteurin macht sich deshalb auf die Suche nach den Gegenentwürfen. Sie porträtiert eingefleischte Dorfladenbesitzer, Gründer und Berater: Das tut sie vor Ort, sie spricht mit den Menschen – unter anderem in Bad Heilbrunn, Wolfratshausen und in Marzling bei Freising. Dabei fokussiert der Artikel ganz auf das Regionale und auf das Thema Vernetzung.

Schnell wird deutlich, dass ihre Passion die Dorfladenmacher eint. Hinzu kommen ein starkes Wir- und Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft, Kreativität und flexibles, schnelles Reagieren auf die Anforderungen an den Markt – beispielsweise beim Einrichten eines Shuttle-Busses für alte Menschen zum nächstliegenden Geschäft. Die Geschichte ist damit ungemein nah am Leser. Sie spürt nach. Und sie arbeitet heraus, dass trotz der Rahmenbedingungen der Einzelne sehr wohl die Entscheidungsmöglichkeit hat, das Regionale und Lokale zu unterstützen. Als würde sie sagen: „Hier habt ihr einen Dorfladen, nutzt ihn!“

Die Autorin stellt damit die brisante Frage, wie denn eine Konsumwelt aussieht, in der der Dorfladen auch als gesellschaftlich verbindendes Zentrum und Mittelpunkt eines Orts einfach verschwindet. Und wie die Zukunft des ländlichen Raums aussieht, wenn diese Entwicklung weiter voranschreitet. Handwerklich ist diese Reportage wunderbar gemacht. In ihr steckt ein immenser Rechercheaufwand. Die Autorin lässt einige Dorfladenmacher erzählen und rückt damit ins Licht, dass sie alle Überzeugungstäter sind. Sie alle verleihen der Geschichte sehr viel Lokalkolorit und Authentizität.

Gleichzeitig beleuchtet Weiß den gesellschaftspolitischen Aspekt des Ladensterbens. Sie hat dabei aussagekräftiges und umfassendes Zahlenmaterial gesammelt und präsentiert es anschaulich in Erklärkästen und einer Karte. Das ist ungemein weiterbildend. Eine tolle Geschichte für eine regionale Tageszeitung. Herausragend aufbereitet wird sie der gesellschaftlichen Brisanz des Themas mehr als gerecht. Das macht sie preiswürdig.


Interview mit der Preisträgerin


Wie sind Sie auf die Idee für Ihren Beitrag gekommen?

Susanne Weiß: Tengelmann hat angekündigt, seine Filiale in der Gemeinde Bad Heilbrunn (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) zu schließen. Ich habe mich vor Ort mit Kunden unterhalten. Sie waren traurig, dass der einzige Supermarkt im Dorf schließt. Am schlimmsten war für sie, sich künftig nicht mehr mit den Verkäufern unterhalten, Nachbarn treffen und Neuigkeiten erfahren zu können. Der Seite-Drei-Chef und ich haben uns daraufhin gefragt, ob das ein einzelnes Phänomen ist, oder ob es in anderen Gemeinden ähnliche Probleme gibt. Und tatsächlich haben fast alle Außenredaktionen des Münchner Merkurs solche Erfahrungen gemacht.

Mit welchen Herausforderungen wurden Sie bei der Recherche des Themas konfrontiert?

Weiß: Fast jeder Landkreis im Einzugsgebiet hat in mindestens einer Gemeinde den einzigen Laden verloren oder stand kurz davor. Ich habe zahlreiche Gespräche geführt und einige Orte besucht. Ich bin froh, dass ich die Möglichkeit hatte, so viel Zeit in diese Geschichte zu investieren. Bei meiner Fahrt mit dem Einkaufsbus habe ich viele Menschen kennengelernt. Eine Alleinerziehende nutzt den Bus, weil sie kein Auto hat. Ein paar ältere Mitfahrer sind einsam und genießen die Gesellschaft. Die meisten Händler, mit denen ich mich unterhalten habe, sind sehr bescheiden. Ihnen war es zunächst  unangenehm, in die Zeitung zu kommen. Es hat eine Weile gedauert, bis sie Vertrauen zu mir aufgebaut haben.

Worin liegt Ihr persönlicher Erkenntnisgewinn?

In meiner Generation muss es schnell gehen, die Auswahl groß und der Preis der Vorteilspackung unschlagbar sein. Wir denken nicht darüber nach, dass wir mit unserem Konsumverhalten den Händler von nebenan kaputt machen. Den Händler, der weiß, dass Hans Müller montags die einen Kekse kauft und Anna Schmidt nur Marmelade ohne Stücke mag. Den Händler, zu dem auch die Menschen gehen können, die nicht mehr so mobil sind. Und den Händler, der auf Regionalität achtet und das anbietet, was er auch verkaufen kann. Dessen Überangebot nicht abends in der Tonne landet. Doch zum Glück gibt es in jeder Gemeinde engagierte Menschen, die einen Einkaufsbus organisieren oder sogar gemeinsam einen eigenen Laden gründen. In Bad Heilbrunn wurde ein Wochenmarkt auf die Beine gestellt und bald soll sich ein neuer Supermarkt im Ort ansiedeln. Die Bürger und die Gemeinde haben sich dafür eingesetzt. Ein Dorf braucht eben einen Laden, in dem jeder einkaufen kann. Als Lebensmittelpunkt.

Der ausgezeichnete Beitrag von Susanne Weiß zum Herunterladen (PDF)