Regulierung: „Einfache Ansätze für einfache Banken“

19.07.2016

Die Berliner Professorin Ursula Walther spricht im Interview über Risiken und Nebenwirkungen der überbordenden Bankenregulierung.

Bei nicht systemrelevanten Banken sollten die Komplexität und das Ausmaß der Regulierung ganz klar reduziert werden, fordert Professorin Ursula Walther.

Frau Professorin Walther, Bundesbank und Bundesregierung machen sich dafür stark, den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit bei der Bankenregulierung stärker zu berücksichtigen. Regionalbanken sollen nicht über den gleichen Kamm geschoren werden wie international tätige Großbanken. Welche Ansätze sehen Sie dafür?

Ursula Walther: Die Deutsche Bank beschäftigt viele Hundert Spezialisten nur für das interne Risikomanagement und Regulierungsfragen. Regionalbanken können das gar nicht leisten. Deshalb sollten bei nicht systemrelevanten Banken die Komplexität und das Ausmaß der Regulierung ganz klar geringer sein. Ein Ansatz könnte sein, einen gewissen Mindeststandard für alle Banken zu definieren, der durch zusätzliche regulatorische Anforderungen für größere Banken oder für riskante Geschäftsfelder ergänzt wird. Wenn eine Bank zum Beispiel ein übersichtliches  Produktportfolio besitzt, das keine hohen Spezialrisiken wie etwa aus komplizierten Derivaten aufweist, dann kann man ein solches Institut von bestimmten regulatorischen Anforderungen ausnehmen. Allerdings sind auch kleine Banken nicht vor Fehlentwicklungen gefeit. Das hat zum Beispiel die Savings-and- Loan-Krise in den USA in den 1980er Jahren gezeigt, als viele amerikanische Sparkassen über riskante Unternehmens- und Immobilien- finanzierungen stolperten.


Sehen Sie weitere Entlastungsmöglichkeiten?

Walther: Es gibt mit Sicherheit viele Ansatzpunkte für mehr Kosteneffizienz in der Regulierung. Das Problem ist: Kostenreduktion ist ein aufwendiger Prozess, für den im Moment niemand Zeit hat. Alle sind damit beschäftigt, die ständig neuen Regeln zu erfüllen. Weil die Anforderungen extrem hoch sind und der Druck sehr stark, sind bei den Banken viele Ressourcen gebunden. Das freut wiederum die Unternehmensberatungen, die das Thema Regulierung für sich entdeckt haben und viele Leute einstellen. Auch daran zeigt sich, dass Regulierung ein kostenintensives Thema ist.


Alleine bei den bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken liegt der  regulierungsbedingte Personalaufwand bei 43 Millionen Euro pro Jahr. Das sorgt  auch für einen starken Fusionsdruck unter den Banken. Ist das im Sinne des Erfinders?

Walther: Sicher nicht. Aber das Problem lässt sich schwer vermeiden. Die unglaublichen Kosten für das Risikomanagement einer Bank, die zum Teil regulierungsgetrieben sind, zwingen zu einer gewissen Mindestgröße. Das reduziert den Wettbewerb und macht es schwierig, mit kleinen Einheiten am Markt zu  überleben. Wer gründet zum Beispiel heute noch eine Bank? Die Regulierung sorgt für hohe Markteintrittsbarrieren. Stattdessen erleben wir einen Boom der sogenannten Fintechs, die außerhalb des regulierten Markts neue Entwicklungen vorantreiben.


Profil: Wie lässt sich Chancengleichheit zwischen regulierten und unregulierten Finanzunternehmen herstellen?

Walther: Wichtig wäre an dieser Stelle, genau hinzuschauen. Wir müssen mehr Transparenz in die grauen Märkte bringen: Wer nutzt sie und aus welcher Motivation heraus? Welche Produkte und Gelder fließen dorthin? Wenn sich Fehlentwicklungen zeigen, sollte der Gesetzgeber dort gezielt eingreifen und regulieren. Meine Wahrnehmung ist allerdings, dass die grauen Märkte ein absolutes Nischenthema sind, über das sich nur Spezialisten Gedanken machen. Auch das sollte sich ändern.


Was macht gute Regulierung aus?

Walther: Transparenz. Die Banken vor Ort brauchen eine Regulierung, die sie verstehen und die ihnen in ihrer täglichen Arbeit hilft. Deshalb sollten die Aufsichtsbehörden darauf achten, die Regulierung so zu organisieren, dass sie verständlich bleibt. Wir brauchen einfache Ansätze für einfache Banken, die mit einem überschaubaren Personalaufwand sauber erfüllt werden können. Auch die Bankmitarbeiter müssen die Zahlen verstehen, die sie Tag für Tag produzieren, nicht nur die Bankenaufsicht. Bankenregulierung ist auch ein Element des Risikomanagements. Es darf nicht darum gehen, die Banken zu lenken und zu gängeln, sondern es muss immer darum gehen, das System stabil zu halten.


Viele Bankvorstände sagen, dass sie aufgrund der Regulierungsfülle kaum noch Zeit für das normale Bankgeschäft haben…

Walther: Das kann ich verstehen. Meiner Meinung nach ist die Fülle an regulatorischer Gesetzgebung, die wir gerade implementieren, auch ein Risiko an sich. Regulieren können wir immer nur die letzte Krise. Ich sehe die Gefahr, dass durch die aktuelle Hyperaktivität ein falsches Gefühl der Sicherheit erzeugt wird, das unter Umständen den Blick auf das Wesentliche verstellt. Wohin entwickeln sich die Finanzmärkte? Wo entstehen neue Ungleichgewichte, die sich wieder entladen können? Mich beschleicht das Gefühl, wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.


Also weg vom Klein-Klein hin zum großen Ganzen?

Walther: Ja. Es ist zwar eine Reihe von sinnvollen Maßnahmen umgesetzt worden. Aber jetzt sollte wieder mehr Ruhe einkehren. Wir brauchen eine Bestandsaufnahme und sollten bestehende Gesetze und Vorgaben bereinigen. Zugleich ist es wichtig, zu prüfen, wo in Zukunft Gefahren lauern und ob die Finanzmärkte die ihnen zugedachten Aufgaben erfüllen. Fördern sie zum Beispiel unsere Realwirtschaft im erwünschten Maß? Auch solche Themen sollten Banken und Regulatoren wieder mehr diskutieren.

Das Interview ist in der Juli-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen.