Regulierung Finanzmärkte

Maßlose Bankenregulierung

27.02.2014

Die Finanzkrise hat gezeigt, dass Banken beaufsichtigt werden müssen. Doch die Regulierer in der EU und weltweit schießen dabei oft über das Ziel hinaus. Denn sie legen sowohl für internationale Großbanken und regionale Kreditinstitute die gleichen Maßstäbe an. Zwei Vorstände berichten, wie sich das in der Praxis auswirkt.


Karlheinz Kipke, Vorstand der VR-Bank Coburg (li.), und Wolfhard Binder, Vorstand der Raiffeisen-Volksbank Ebersberg sprechen über Bankenregulierung in der Praxis. Foto EU: Panthermedia / Jorisvo

Wie sich Regulierungsmaßnahmen der EU und anderer Institutionen auf den Alltag regionaler Genossenschaftsbanken auswirken, wissen Karlheinz Kipke, Vorstand der VR-Bank Coburg (li.), und Wolfhard Binder, Vorstand der Raiffeisen-Volksbank Ebersberg zu berichten. Foto EU: Panthermedia / Jorisvo


Kernproblem ist dabei nicht primär die schiere Menge immer neuer Regulierungsvorschriften und -richtlinien. Es ist vielmehr die Indifferenz. Denn der Gesetzgeber übersieht sowohl in Brüssel als auch in Berlin, dass Bank eben nicht gleich Bank ist. Kreditinstitute unterscheiden sich voneinander, nicht nur in ihrer Größe, sondern auch nach ihrem Geschäftsmodell. Deshalb steht die Frage im Raum, ob eine regionale Genossenschaftsbank zwingend denselben Regularien unterliegen muss wie eine internationale Großbank. Denn Regulierung hat immer Auswirkungen auf das Geschäft von Kreditinstituten.

Kritisches Augenmaß bei der Bankenregulierung verloren gegangen


Dabei scheint den Regulierern kritisches Augenmaß verloren gegangen zu sein. Dieser Schluss drängt sich auf, spricht man mit den Vorständen von Regionalbanken. „Die Regulierung hat längst alle Bereiche unseres Hauses erfasst“, berichtet zum Beispiel Karlheinz Kipke, Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Coburg.

Sogar das Marketing beschäftigt sich damit. Schließlich will der Kunde wissen, warum er jenes Protokoll unterschreiben muss und soeben einen Beipackzettel erhalten hat: „Wenn ich der Regulierung etwas Positives abgewinnen kann, dann, dass man sie als Anknüpfungspunkt für die Kundenkommunikation nutzen kann“, so Kipke.

Wie Verbraucher von der Bankenregulierung genervt sein können


Der Verbraucher scheint seinen neuen Schutz durch den Gesetzgeber allerdings nicht wirklich zu schätzen, wie Wolfhard Binder, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen-Volksbank Ebersberg, beobachtet. „Mein Eindruck ist, dass sich die Mehrzahl unserer Kunden durch die neuen Regulierungsmaßnahmen bevormundet fühlt – teilweise sogar entmündigt.“ Viele Menschen würden Protokolle nur von der Polizei kennen. Entsprechend großes Misstrauen bestehe daher. „Ein Kunde sagte mir kürzlich, es fehle nur noch, dass er seinen Fingerabdruck bei uns abgeben müsse“, berichtet Binder. Zumal er nicht nur einmal gehört habe, das Beratungsprotokoll diene doch vor allem der Bank – und zwar zur eigenen Absicherung.

Binder sieht daher viele der aktuellen Maßnahmen, die dem Kundenschutz dienen sollen, als kontraproduktiv. „Haben Beratungsprotokolle und Beipackzettel etwa die Beratung verbessert?“, fragt der Bankvorstand. Der Effekt sei doch ein anderer gewesen: Der Verbraucher werde nur vermeintlich geschützt, dafür jedoch die Beratung geschwächt und die Aktienkultur beschädigt.

Für Binder wäre es eine bessere Lösung, wenn auch der Verbraucher – zum Beispiel durch einen Finanzführerschein – seine finanzielle Bildung nachweist, statt dass die Regulierungsschraube immer weiter angezogen wird.

Bedrohung für Regionalbanken


Den Coburger Vorstand Kipke treibt dagegen eher die Sorge um, welche Folgen die europäischen Regulierungsmaßnahmen langfristig entfalten: „Ich glaube durchaus, dass die meisten der neuen Regelungen sinnvoll sind.“ Auf alle Banken angewendet sind sie jedoch eine Bedrohung für die Vielfalt der europäischen Finanzwelt.

Letztlich könnten sie das Ende einer in über 160 Jahren gewachsenen, einmaligen Bankenlandschaft nach sich ziehen: „Basel III und die neuen Liquiditätsvorschriften gefährden in Deutschland die Langfristfinanzierung und damit die Kreditversorgung der gesamten mittelständischen Wirtschaft – besonders im ländlichen Raum“, so der Coburger Vorstand. Die Politik solle sich keinen Illusionen hingeben: „Wer Bankenregulierung für international tätige Großbanken auf alle Finanzinstitute anwendet, muss sich nicht wundern, wenn letztlich alle Finanzinstitute das Geschäftsmodell international tätiger Großbanken übernehmen.“



Mit dem Thema Bankenregulierung befasst sich die März-Ausgabe von "Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt". Darin geht es unter anderem um die Folgen für Banken und Wirtschaft, die Auswirkungen auf Kunden und die vergessenen Schatteninstitute.