Sabine Lindlbauer

„Plastikmüll statt Mode – Ersticken wir in Billigklamotten?“

16.10.2020

Die Textilproduktion hat sich weltweit seit der Jahrtausendwende verdoppelt. Möglich macht das der zunehmende Einsatz synthetischer Fasern wie Polyester. Mode werde immer mehr zur Wegwerfware – und am Ende zu biologisch nicht abbaubarem Plastikmüll.

Mit dieser Thematik beschäftigt sich die TV-Dokumentation von Sabine Lindlbauer. Sie begleitet unter anderem einen Altkleidersammler und eine Nachwuchsunternehmerin. Die junge Textiltechnik-Studentin sucht nach Alternativen zum Fast-Fashion-Trend und zur minderwertigen, nicht nachhaltigen Ware. Sie hat eine eigenwillige Lösung gefunden: Eine Naturfaser aus Hundehaar, das nicht extra produziert werden muss, weil dafür der natürliche Fellwechsel der Tiere genutzt wird.
Die vielen Billigklamotten schaffen am Ende ihres oft kurzen Lebens Probleme. Altkleidersammler Helmut Huber erklärt, dass die Qualität immer schlechter werde. Er müsse rund ein Drittel mehr Ware abholen und sortieren, um gleich viele, tragbare Altkleider wie vor zehn Jahren zu erhalten. So lasse sich beispielsweise Outdoormode oft nicht recyceln. Da Fasern aus reinem Synthetikmaterial weder saugen noch puffern, taugten sie nicht mal mehr als Putzlappen. Wenn sich nichts ändere, so Huber, müsse die Kleidersammlung bald sogar bezuschusst werden.

Wissenschaftler warnen, dass Kunstfasern beim Waschen Mikroplastik ins Abwassersystem abgeben und beim Transport der Kleidung riesige Mengen an Plastikverpackungsmüll anfallen. Der wachsende Onlinehandel fördere die zunehmende Ressourcenverschwendung. Oft würden selbst neuwertige Waren nach dem Rückversand kurzerhand vernichtet. Die Politik müsse dringend die Weichen neu stellen: Sonst würden am Ende Klima und Umwelt den Preis für Billigmode und Schnäppchen zahlen.

Nach Meinung der Jury ist Sabine Lindlbauer eine aufklärende, ungemein tiefgründig recherchierte TV-Dokumentation gelungen. Sie habe interessante Protagonisten porträtiert: Echte Typen wie die routinierte Studentin, die hartnäckig und ideenreich auf der Suche nach nachhaltigen Fasern ist, oder den authentischen Altkleidersammler. Sie erzähle dabei ganz ohne moralischen Zeigefinger und mache dem Verbraucher keinerlei Vorwurf. Vielmehr stellt sie Lösungsansätze vor und setze auf Verhaltensänderung durch den enormen Erkenntnisgewinn beim Ansehen. Das mache die Reportage preiswürdig.


Fragen an die Preiträgerin


Wie sind Sie auf die Idee für den Beitrag gekommen?

Am Anfang stand eine persönliche Beobachtung, nämlich dass es immer schwieriger wurde Kleidungsstücke aus Naturmaterial, also aus reiner Wolle oder Baumwolle zu finden. Synthetik-Mischgewebe mit langen, sehr klein gedruckten Angaben zur Materialbeschaffenheit waren auf dem Vormarsch. Auf Nachfrage in den Läden wurden die angeblich „besseren Materialeigenschaften“ der Synthetik-Faser angeführt - häufig gepaart mit dem Hinweis: „der Kunde wünscht das so!“ Aber schwitzen in verstricktem Plastik - ein Kundenwunsch? Und was bedeutet diese Entwicklung für Wiederverwertung und Entsorgung? Tatsache ist: Die Textilproduktion hat sich seit der Jahrtausendwende mindestens verdoppelt, die Tragedauer hat sich halbiert, natürliche Rohstoffe werden knapp – daher der zunehmende Faser-Mix aus Synthetik. Sind diese Kleidungsstücke am Ende ein Problemfall? Plastikmüll, der nicht verrottet? Umweltthemen sind ein Schwerpunkt meiner Arbeit. Ich wollte der Sache nachgehen.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie bei der Recherche des Themas konfrontiert?

Die Recherche führte schnell zu der Erkenntnis: Das Thema ist schlichtweg unterbeleuchtet. Zwar ist jeder von uns als Kunde betroffen. Doch Kleidung wird eher sorglos konsumiert. Informationen von der Textilindustrie zu bekommen, insbesondere von den Fast Fashion Herstellern, war äußerst schwierig. „Nachhaltigkeit“ spielt zwar eine zunehmende Rolle beim Marketing der großen Textilfirmen Doch es ist eben vor allem ein Marketing-Thema. Tatsächliche Effekte sind kaum messbar: Weniger als ein Prozent aller Fasern weltweit werden wieder zu neuen Kleidungsstücken verarbeitet. Besonders verschwiegen ist die Branche, wenn es um die Frage nach dem Verbleib von unverkaufter Ware oder Retouren geht. Die werden häufig zerstört, um den Markenwert hoch zu halten oder weil keiner weiß wohin mit den Kleider-Bergen. Schon früh war die Idee entstanden die Geschichte von hinten aufzurollen, vom Ende der textilen Kette her. Das bedeutete viele Gespräche mit Altkleidersammlern und -händlern. Nicht jeder wollte offen über die schwierige Situation sprechen. Es gab viele Vorbehalte. Denn einerseits ist die Branche auf gut erhaltene Spenden angewiesen. Andererseits erfuhr ich, dass viele Altkleidersammler in der gegenwärtigen Situation oft froh wären Kleiderspenden gar nicht erst zu bekommen. Sie sitzen auf Tonnen schnell produzierter Billigware, die sie auf den übersättigten Märkten kaum noch loswerden; immer häufiger holen sie Fast Fashion-Müll statt tragbarer Kleidung aus dem Container. Wegen des hohen Kunststoffanteils können sie die oft nicht mal mehr als Lumpen weiterverkaufen. Das Zuviel an solcher Billig-Kleidung könnte zu einem Zusammenbruch des jahrzehntelang gut funktionierenden Systems führen. Ob wir alle das Ausmaß des Problems erst verstehen, wenn die Entsorgung von Textilien eines Tages kostenpflichtig wird? Im Supermarkt denken wie neuerdings viel über Plastik-Vermeidung nach. Aber beim Kleiderkauf?

Worin liegt Ihr persönlicher Erkenntnisgewinn?

Die Textilbranche sucht händeringend nach neuen Fasern. Doch die sind kein Gewinn, wenn sie zusätzlich konsumiert werden und zu noch größeren Kleiderbergen führen. Einer Greenpeace Studie zufolge kauft jeder Deutsche im Schnitt sechzig Kleidungsstücke pro Jahr – ohne Unterwäsche und Strümpfe. Tendenz steigend. Wir alle müssen beim Kleiderkauf runter vom Gas: länger tragen, mehr reparieren, weniger kaufen. Vor allem steht jedoch die Branche selbst in der Pflicht: Billigst produzierte Fast Fashion ist ökologisch nicht vertretbar. Die Textilindustrie, ohnehin eine der schmutzigsten weltweit, steht nicht nur wegen skandalöser Produktionsbedingungen immer wieder am Pranger, sondern schafft auch am Ende der textilen Kette enorme Umweltprobleme.