Schattenbanken in den USA

Vom Licht ins Dunkel

18.08.2015

In den USA zeigt sich, dass überbordende Regulatorik einen Preis hat: Die Schattenbanken wachsen enorm

Manhattan Skyline. Foto: Imago / fotoimediaSkyline von Manhattan: Immer mehr Finanzunternehmen in den USA ziehen es vor, Kapital in unregulierte Schattenbanken zu verlagern, um der Aufsicht zu entgehen. Foto: imago / fotoimedia



Schattenbanken sind weltweit auf dem Vormarsch. Der Finanzstabilitätsrat (FSB), ein Gremium der G-20­-Staaten, überwacht seit 2009 die Ausbreitung eines „Systems der Kreditvermittlung, an dem Unternehmen und Tätigkeiten außerhalb des regulären Bankensystems beteiligt sind“. In seinem Jahresbericht 2014 beziffert der FSB die Größe des Schattenbankensektors auf 75 Billionen Dollar. Das entspricht einem Viertel der globalen Finanzwerte oder 120 Prozent des Welt­-Bruttoinlandsprodukts.

Der Umfang des grauen Finanzmarkts ist allerdings in den verschiedenen Ländern sehr ungleich ausgeprägt. In Deutschland erreichen Schattenbanken nur eine Größe von etwa 40 Prozent des BIP, während die herkömmlichen Banken Vermögen in Höhe von 220 Prozent des BIP halten. In den USA dagegen bringen es die sogenannten „other financial institutions“ mittlerweile auf 150 Prozent des BIP. Satte 25 Billionen Dollar an Finanzwerten sind dort konzentriert, mehr als bei Versicherungen und Pensionskassen zusammen und auch mehr als im regulären Bankensektor.

Regulierung als treibende Kraft der Schattenbanken

Treibende Kraft hinter dem Wachstum des grauen Finanzmarkts ist die sich seit der Finanzkrise von 2007 stetig verschärfende Bankenregulierung. Damals hatten die US-­Regierung und der Steuerzahler ein Rettungspaket in Höhe von 700 Milliarden Dollar schnüren müssen, das hauptsächlich von Banken in Anspruch genommen wurde.
 
Zwei Lehren bestimmen seitdem die amerikanische Finanzmarktreform: Zum einen will die US­-Politik die finanzielle Haftung der Allgemeinheit für Investitionsfehler Einzelner (bailout) begrenzen. Zum anderen soll die mögliche Gefährdung des Gesamtsystems durch besonders große Akteure (too big to fail) minimiert werden. Beide Leitlinien sind deshalb auch zentrale Bestandteile des 2010 verabschiedeten „Dodd-­Frank Wall Street Reform and Consumer Protection Acts“. So ermöglicht der Abschnitt zwei des Gesetzes (Orderly Liquidation Authority) die zwangsweise Abwicklung von insolvenzbedrohten Finanzinstituten durch Bundesbehörden. Nicht der Steuerzahler, sondern Aktionäre und Anleger der Institute würden in einem solchen Fall zur Kasse gebeten.

Wie umfangreich die Reformbemühungen sind, zeigt folgender Umstand: Bis heute, fünf Jahre nach Inkrafttreten, haben die verschiedenen zuständigen Aufsichtsbehörden 114 Regelungen des Dodd-Frank­-Gesetzes in Verordnungen umgesetzt. Damit ist aber erst die Hälfte geschafft.

Stabilität durch Regulierung hat seinen Preis


Besonders viele Regularien zielen darauf ab, Insolvenzen wie in der Finanzkrise von vornherein zu verhindern. So wurden unter anderem die risikogewichteten Eigenkapitalquoten erhöht, die Fremdkapitalgrenzen gesenkt, liquide Mindestreserven sowie die Verfügbarkeit von Notfallkapital (contingent capital) angeordnet. Den Banken wurden zudem ganze Geschäftsfelder wie etwa der Eigenhandel verboten oder, wie im Fall der Beteiligung an Hedgefonds, erheblich eingeschränkt.

Die so erhöhte Stabilität des US­-Bankensektors hat ihren Preis. Sicherheit und Rendite bilden – das weiß jeder Kleinanleger – ein Gegensatzpaar. Selbst bei stabilen Umsätzen sinkt der Profit, den Banken erzielen können, durch die Regulierung deutlich. Allein die Compliance­-Ausgaben durch Dodd­Frank belaufen sich bis heute auf 21 Milliarden Dollar und 62 Millionen zusätzliche Arbeitsstunden an Verwaltungsaufwand bei den Banken.

Die logische Konsequenz ist, dass Anleger ihr Kapital zu den unregulierten Schattenbanken tragen, die höhere Renditen versprechen können. Wie sich die traditionellen Banken verhalten, ist für den Prozess relativ egal. Ob sie nun durch Wettbewerb Marktanteile an die unregulierte Konkurrenz verlieren, riskantere Teile ihres Portfolios auslagern oder sich gar selbst umstrukturieren, um der Regulierung zu entgehen, der Schattenbanken-­Sektor wächst in jedem Fall. Es besteht die Gefahr, dass sich dort das Potenzial für den nächsten großen Crash sammelt.



Den vollständigen Artikel unseres freien Mitarbeiters Michael Spotka lesen Sie in der August-Ausgabe von "Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt". Darin erklärt er auch am Beispiel der Metropolitan Life Insurance Company, wie Risiken in unregulierte Bereiche verschoben werden.