Schattenbanken und Regulierung

Kapitalmarktunion fördert graue Finanzmärkte

08.09.2015

Die Regulierung von Schattenbanken kommt in Europa nicht voran. Stattdessen könnten EU-Vorhaben wie die Kapitalmarktunion dazu beitragen, dass die grauen Finanzmärkte weiter wachsen.

London im Nebel. Foto: Imago / Andrew Parsons
So verschleiert wie die der Londoner Finanzdistrikt im Nebel bleiben auch die Schattenbanken, solange sie nicht wirkungsvoll reguliert werden. Foto: Imago/Andrew Parsons


Aus dem Jahresbericht 2014 des Finanzstabilitätsrats (FSB) geht hervor, dass der graue Finanzmarkt in Europa mittlerweile eine Größenordnung von ungefähr 34 Billionen Euro erreicht hat. Doch obwohl die letzte große Finanzkrise zweifelsfrei von Schattenbanken mitverursacht wurde, wurden zunächst nur zaghaft Regulierungsmaßnahmen eingeleitet. Erst anlässlich des G­20-­Gipfels in Seoul im November 2010 erhielt der FSB den Auftrag, Empfehlungen zur besseren Überwachung und Regulierung der Schattenbanken zu entwickeln. Im März 2012 veröffentlichte die EU-­Kommission ein Grünbuch zum Schattenbankensektor, das auf den Ideen des FSB beruht. Seitdem läuft ein langwieriger Konsultationsprozess.

Schritte zur Regulierung der Schattenbanken


In der Konzeption des FSB sind fünf Baustellen benannt, die es für die Regulierer abzuarbeiten gilt:

  1. Beziehungen zwischen Banken und Schattenbankensektor

  2. Geldmarktfonds

  3. Regulierung von Schattenbankeneinheiten

  4. Verbriefungen

  5. Repo-­Geschäfte und Wertpapierleihe


Alle Bereiche sind bislang nur teilweise gesetzlich abgedeckt und die Lösungen mitunter halbherzig. Überhaupt scheint die EU bei der Regulierung des grauen Finanzmarkts eher einen indirekten Weg zu bevorzugen. So existieren für den ersten Bereich mit Abstand die meisten Richtlinien und Verordnungen, wobei die Belastungen hauptsächlich die Banken treffen. An den aktuellen Beratungen zu Obergrenzen für Risikopositionen gegenüber Schattenbanken wird dies mehr als deutlich.

Die Vorschläge schießen deutlich über das Ziel hinaus. Die Deutsche Kreditwirtschaft weist in ihrer Stellungnahme vom 19. Juni 2015 darauf hin, dass die Schattenbanken­-Definition der EBA viel zu weit gefasst ist. In der jetzigen Form wären auch Leasing-­ und Factoring-­Unternehmen Teil des grauen Finanzmarkts. Sogar die Treasury­-Abteilungen ganz gewöhnlicher Firmen würden so zu Schattenbanken erklärt. In letzter Konsequenz müssten Banken ihre Kreditlimite gegenüber der realen Wirtschaft massiv einschränken. Unternehmen wäre der Zugang zu Krediten erheblich erschwert.

Während bei der indirekten Regulierung rege Aktivität mit zweifelhaftem Nutzen verbreitet wird, liegt das Feld der direkten Regulierung weitgehend brach. Schon der FSB tat sich mit der Gestaltung seiner Leitlinien schwer. Das zunächst geplante Vorgehen, den Regulierungsrahmen um explizit genannte Schattenbankeinheiten – zum Beispiel Kredit-Hedge-­Fonds, Wertpapierhändler oder Exchange­-Traded Funds – zu ziehen, wurde wieder verworfen. Zu heterogen und verwandlungsfreudig zeigte sich der graue Finanzmarkt.

Stattdessen sieht die erst im August 2013 veröffentlichte Anleitung des FSB eine Regulierung nach ausgeführten Aktivitäten vor, zum Beispiel Kreditgeschäfte mit kurzfristiger Refinanzierung, Erleichterung der Kreditschöpfung oder verbriefungsbasierte Kreditintermediation. Der Ball liegt seitdem bei der EU­Politik und wird nicht gespielt.

Wille zur Regulierung scheint zu schwinden


Überhaupt scheint mit zunehmender zeitlicher Entfernung zur Finanzkrise der Wille zur Regulierung des Schattenbankensektors zu schwinden – oder sich sogar ins Gegenteil zu verkehren. Das aktuelle Grünbuch der EU-­Kommission zur Schaffung einer europäischen Kapitalmarktunion bis 2019 stimmt skeptisch. Die darin genannten Maßnahmen bevorzugen deutlich die Aktien­- und Anleihenmärkte als Weg der Kapitalbeschaffung und sollen dazu dienen, „die Abhängigkeit von Bankkrediten zu verringern“.

Was die regulatorische Rolle rückwärts besonders spektakulär macht: Ausgerechnet kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sollen ihre Kredite ver­stärkt von Schattenbanken beziehen. Dabei ist der erwartbare Nutzen denkbar gering. EU­-Finanzkommissar Jonathan Hill geht davon aus, dass eine Wiederbelebung der Kreditverbriefungen den mittelständischen Unternehmen europaweit 20 Milliarden Euro Kapital verschaffen könnte. Allein die deutschen Kreditgenossenschaften – ohne die genossenschaftlichen Zentralbanken – stemmen derzeit 220 Milliarden Euro an Firmenkrediten.


Der vollständige Beitrag ist in der September-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen.