Simon Kunert, Jessica Seidel und Valerie Tielich

Ostbayern 4.0

13.10.2017

Die Gewinner des Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Preis für wirtschaftliche Bildung 2017 beschäftigen sich in ihrer Serie mit der Digitalisierung und der Frage, wie das globale Megathema die Arbeitswelt in Ostbayern verändert.


Beitragsserie Ostbayern 4.0 von Jessica Seidel, Valerie Tielich und Simon Kunert

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Simon Kunert startet in der verlagseigenen Druckerei und schaut dem erfahrenen Drucker Josef Waas genau über die Schulter. Waas ist noch mit Bleisatz und Druckplatten, Farbflecken und Lärm groß geworden. 2009 wurden die analogen Druckprozesse komplett digitalisiert, und gerade weil er aus der analogen Welt kommt, musste er sich massiv umstellen. Aus dem Drucker ist der „Medientechnologe Druck“ geworden. Aber es sei „leichter“ für ihn geworden, anstelle schweißtreibender Arbeit trete die Prozessüberwachung.

Jessica Seidel stellt ein Telemedizin-Projekt aus der Region vor. „Tempis“, ein Netzwerk von 19 ländlichen Kliniken, das per Videoübertragung Schlaganfallpatienten helfen und damit Leben retten kann – dank der Digitalisierung. Gut 10.000 Schlaganfallpatienten würden mittlerweile im Jahr so behandelt.

Besonders gelungen ist das Porträt von Simon Kunert über drei Metzger: Auch an diesem Handwerk – der Artikel titelt mit „Die Netzger“ – geht die Digitalisierung nicht vorbei. Immer öfter bieten sie ihre Fleischwaren auch über das Internet an. Mittelfristig will beispielsweise der Pfaffenberger Metzger Baumann so 30 Prozent seines Umsatzes erzielen. Im angrenzenden Bayerischen Wald seien es gerade die Touristen, die nach dem Urlaub nicht auf das Oberpfälzer Fleisch verzichten wollen – und es sich einfach schicken lassen.

Auch der Beitrag von Valerie Tielich über die Digitalisierung von Prozessen in Gemeinden ist erhellend. Mithilfe digitaler Technik sollen zwei Modelldörfer in Bayern wieder eine Zukunftsperspektive bekommen. Betreut werden sie vom Technologiecampus Grafenau. Die Autorin beschreibt eindringlich, wie das in verschiedenen Infrastruktur-Bereichen funktionieren kann: Von der telemedizinischen Versorgung über ein App-basiertes Mitfahrsystem bis zum digitalen „Schwarzen Brett“, auf dem Handwerkerdienste oder Kinderbetreuung angeboten werden können. Die Erkenntnis der Projektleiter: Digitalisierung isoliere keineswegs, sie führe sogar zu mehr Interaktion zwischen den Bürgern. Und das ist insbesondere für den ländlichen Raum ein überaus relevantes Thema.

Die Serie mit dem Besuch in der verlagseigenen Druckerei zu beginnen, ist eine Idee mit Charme. Den Auftakt macht damit eine sehr menschliche Geschichte. Sie zeigt, dass die Autoren ungemein nahe an den Drucker und sein Schicksal herangekommen sind. Generell ist den Autoren gelungen, die Digitalisierung konsequent auf die regionale Ebene – genauer den Landkreis Straubing-Bogen – herunterzubrechen. Dabei wechseln sie gekonnt zwischen verschiedenen journalistischen Darstellungsformen – sie nutzen auch informative Beistellelemente, Kommentare sowie Kurzinterviews.

Die breit angelegte und für eine Regionalzeitung aufwendige Recherche ist in besonderem Maße hervorzuheben. Es wird geradezu vorbildlich versucht, verschiedenste Seiten zu beleuchten. Und es wird klar: Die Digitalisierung ist für viele Branchen eine riesige Herausforderung. Sie bringt Veränderungen mit sich. Aber sie ist zu meistern, wenn man sie als Chance begreift. Dieses Fazit ist relevant – gerade für die Zukunft der Arbeit, gerade für Ostbayern. Das macht die Serie zu einem preiswürdigen Stück Journalismus.


Fragen an die Preisträger Simon Kunert, Jessica Seidel und Valerie Tielich

Simon Kunert (Foto: Ulli Scharrer), Jessica Seidel (Foto: Ulli Scharrer), Valerie Tielich (Foto: Eiglsperger)
Von links: Simon Kunert (Foto: Ulli Scharrer), Jessica Seidel (Foto: Ulli Scharrer), Valerie Tielich (Foto: Eiglsperger)


Wie sind Sie auf die Idee für die Serie gekommen?


Die Digitalisierung ist gerade in der Wirtschaft ein großes Thema. Sie taucht mittlerweile bei jedem Unternehmen auf, denn der Begriff wird häufig als inhaltsleeres Schlagwort für Modernisierungen oder Investitionen verwendet. Etwas Genaues darunter vorstellen kann man sich nur selten. Unser Ziel war es, das Thema für unsere Leser greifbar zu machen und aufzuzeigen, wo sie als Arbeitnehmer, Endverbraucher oder Patient von der Digitalisierung betroffen sind.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie bei der Recherche des Themas konfrontiert?

Zum einen war es nicht einfach, Beispiele zu finden. Gerade der Mittelstand in unserer Region hat oft noch keine genaue Vorstellung, wie er sich dem Thema nähern und es umsetzen soll. Zum anderen war es auch für uns selbst schwierig, die teils komplizierte Technik zu verstehen und sie den Lesern anschaulich zu vermitteln.

Worin lag Ihr persönlicher Erkenntnisgewinn?

Durch unsere Arbeit im Ressort „Wirtschaft in der Region“ sind wir oft mit der Digitalisierung konfrontiert. Uns war deshalb bewusst, dass es ein vielfältiges Thema ist. Dass es jedoch in derart viele Bereiche des alltäglichen Lebens hineinreicht und so vielschichtig ist, hat uns dann doch überrascht. Zugleich haben wir gemerkt, dass – obwohl man um die Digitalisierung nicht mehr herumkommt – nicht genug darüber nachgedacht wird. Vor allem die Sicherheit und der Datenschutz spielen hier eine große Rolle. Auch in Sachen Infrastruktur muss im ländlichen Raum noch einiges passieren, damit kleinere und mittlere Unternehmen in der Industrie 4.0 nicht abgehängt werden.