Simsseer Weidefleisch eG

Mister Rosenheims Wiener Wurst

10.04.2017

Keine künstlichen Zusätze, keine Massentierhaltung, ein höherer Preis: Die Simsseer Weidefleisch eG tritt den Beweis an, dass regionale Fleisch­ und Wurstwaren bei den Verbrauchern hoch im Kurs stehen. Ein Besuch vor Ort im oberbayerischen Stephanskirchen zeigt, was das Fleisch der Genossenschaft so besonders macht.

Verkaufstheke der Simsseer Weidefleisch eG
Blick in die Auslage der Simsseer Weidefleisch eG: Regionale Bio-Fleisch- und Wurstwaren von der Genossenschaft.



Seinen letzten Tag auf Erden genießt „Mister Rosenheim“ ganz entspannt. Nach seiner Ankunft in der Biometzgerei der Simsseer Weidefleisch eG trottet der 600 Kilogramm schwere Ochse mit dem klangvollen Namen ohne zu zögern vom Anhänger des Bauern. Ein gut zweieinhalb Meter hoher Holzzaun schirmt ihn auf dem Hinterhof der Metzgerei vor Blicken ab und schafft eine geschützte Atmosphäre.

Im Hof befindet sich ein Unterstand mit Heu. Seitlich führt eine langgezogene, bogenförmige Rampe zu einem Verschlag. Darin wird Mister Rosenheim einige Stunden nach seiner Ankunft erst mit einem Stromstoß betäubt und dann mit einem Schnitt in die Halsschlagader geschlachtet – den Weg dorthin hat der Ochse freiwillig zurückgelegt.

Simsseer Weidefleisch eG legt hohen Wert auf Tierwohl


Das ist Rudolf Finsterwalder und seinen Mitstreitern wichtig. „Bei uns soll kein Tier unnötig leiden und mit Tritten oder Schlägen angetrieben werden“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft mit ernstem Blick, während er im Hof steht. Darum dürfen sich die Tiere vor dem Schlachten bis zu zwei Tage an die neue Umgebung gewöhnen.

Nur wenn sie keine Angst haben, locken die Metzger die Rinder und Schweine mit Futter über die Rampe an ihren Schlachtplatz. Dass Mister Rosenheim dabei in einem Bogen die Rampe hinaufgehen muss, ist kein Zufall. „Das entspricht Studien zufolge seinen Instinkten und vermeidet Stress“, sagt Finsterwalder. Zwei Schweine, ein Rind sowie zwei Lämmer oder Zicklein werden so pro Woche geschlachtet.

Spezialisierung auf Warmfleischverarbeitung


Sind die Tiere tot, ist Eile angesagt. Der Grund: Die Simsseer haben sich auf die Warmfleischverarbeitung spezialisiert. Diese Methode war weit verbreitet, bevor es Kühlhäuser und Massenproduktion gab. Dabei wird das Fleisch binnen 30 bis 45 Minuten nach dem Tod des Tiers weiterverarbeitet.

Das hat den Vorteil, dass die Metzger auf die Zugabe von Phosphaten als Bindemittel verzichten können. Zudem besitze warm verarbeitetes Fleisch einen besseren Geschmack und sei zarter, sagt Finsterwalder. Diese traditionelle, handwerkliche Verarbeitung ist ein zentrales Verkaufsargument der Genossenschaft. Künstliche Zusatzstoffe sind tabu.

Nur Fleisch von Tieren aus regionalen Biobetrieben


Strenge Regeln gelten auch bei der Aufzucht und Mast. Verarbeitet werden nur Tiere von rund 25 Biobetrieben aus der Region. Von den Haltungsbedingungen können sich die Kunden vor Ort überzeugen: In Sichtweite zur Biometzgerei in der Gemeinde Stephanskirchen bei Rosenheim hält der gelernte Landwirt und hauptberufliche Architekt Finsterwalder in einem weitläufigen Freilandgehege selbst Schweine und Hühner für die Genossenschaft.

Video: Rudolf Finsterwalder von der Simsseer Weidefleisch eG erklärt, was die Genossenschaft ausmacht.



Wer darum bittet, den führt der knapp zwei Meter große Vorstand mit dem imposanten Vollbart und den wilden Locken über einen kurzen Feldweg selbst zur Weide. Dort steht er dann vor dem Zaun und klärt mit Leidenschaft über Haltungsbedingungen, Charakter und Alltag seiner Tiere zwischen Fressen, Schlafen und Wühlen auf. Eine ähnliche Zuneigung für das liebe Vieh erwartet der Vorstand von allen Lieferanten: „Wir wollen Bauern, die sich um ihre Tiere aufrichtig kümmern und sie nicht als notwendiges Übel betrachten.“

Fleisch- und Wurstspezialitäten in der eigenen Gaststube


Das kommt an. Schon jetzt erreicht die Genossenschaft mit ihren 75 Mitgliedern einen Umsatz von gut 2.500 Euro pro Tag und übertrifft damit die eigenen Erwartungen. Erwirtschaftet wird der Umsatz ausschließlich durch den Verkauf an Endverbraucher aus der Region. Dafür gibt es in der Metzgerei einen kleinen holzgetäfelten Saal mit mehreren Tischen und Bänken, der an die Gaststube eines Wirtshauses erinnert. Dort verkauft die Genossenschaft an einer Theke Fleisch, Wurst sowie Getränke und täglich wechselnde Gerichte wie Linseneintopf oder Schweinebraten.

Mittags sind viele Arbeiter sowie Handwerker, Senioren oder Eltern mit ihren Kindern zu Gast. Auch Finsterwalder sitzt oft bei ihnen und isst seinen Schweinebraten. „Die Verbraucher wollen sowohl gutes Fleisch als auch ein gutes Gewissen. Bei uns bekommen sie beides“, erklärt der Vorstand und begrüßt einen Kunden, der die Metzgerei betritt. Die meisten sind gerne bereit, mehr Geld für die Produkte der Biometzgerei zu bezahlen, fährt der Vorstand nach einem kurzem Plausch fort. Entscheidend sei nur, den Kunden genau zu erklären, wie der Preis zustande kommt und woher das Fleisch stammt. Auf Wunsch erfahren die Verbraucher nicht nur, dass ihre Wiener Würstchen Fleisch von Mister Rosenheim enthalten, sondern auch, wo der Ochse zu Hause war.

Das ganze Tier wird verwertet


Im Gegensatz zu Supermärkten vermarktet die Genossenschaft zudem das ganze Tier und nicht nur Filet, Schinken und Co. Auf der Tageskarte landen deshalb regelmäßig Gerichte mit Innereien – und sind ebenso regelmäßig als erstes ausverkauft. „Wir hätten nicht gedacht, dass wir mit Kutteln offene Türen einrennen“, sagt Finsterwalder.

Mit ihrem Konzept will die Simsseer Weidefleisch eG Nachahmer in anderen Orten anregen, es ihnen gleich zu tun. Schließlich hat nicht nur Mister Rosenheim das Recht, artgerecht gehalten und geschlachtet zu werden.


Der Artikel ist in der April-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen. Darin wird auch die Dorfener Tagwerk eG vorgestellt, die ebenfalls eine Bio-Warmfleischmetzgerei betreibt.


Impressionen von der Simsseer Weidefleisch eG