Sozialministerin Emilia Müller im Interview

Warum Bayern Sozialgenossenschaften fördert

20.10.2015

Das Bayerische Sozialministerium fördert und unterstützt die Gründung von Sozialgenossenschaften im Freistaat. Welche Motivation dahintersteckt und wo die Potenziale liegen, erklärt Staatsministerin Emilia Müller im Interview.

Pflegerin und SeniorinAltenpflege ist nur ein Beispiel für die Lebensbereiche, in denen Sozialgenossenschaften ihr Potenzial entfalten können.


Frau Ministerin, warum halten Sie bürgerschaftliches Engagement gerade in der Unternehmensform Genossenschaft für wichtig?


Emilia Müller: Ein Erfolgsgeheimnis Bayerns ist die Solidarität der Bürger. Die Selbsthilfe und das Engagement der Menschen hat in Bayern eine lange Tradition. Rund jeder Dritte engagiert sich in Bayern ehrenamtlich. Diese Selbsthilfe wollen wir weiter stärken. In Form der Genossenschaft kann diese Eigeninitiative der Bürger besser organisiert werden und auch größere Projekte umfassen. Denn wie schon der Begründer der genossenschaftlichen Idee, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, sagte: Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele. Die Gründung einer Sozialgenossenschaft bietet sich daher immer dann an, wenn zur Lösung sozialer Bedürfnisse ein Projekt ins Leben gerufen werden soll, das mit größeren Investitionen oder laufenden Ausgaben verbunden ist, die einer alleine nicht aufbringen kann.

Wie ist die Idee entstanden, die Gründung von Sozialgenossenschaften zu unterstützen?

Emilia MüllerMüller: Bereits der von Ministerpräsident Horst Seehofer bestellte Zukunftsrat hat das Potenzial von Genossenschaften in seinen Berichten hervorgehoben. Leider sind Sozialgenossenschaften in Deutschland und auch Bayern noch relativ wenig bekannt, da ihre Gründung erst seit 2006 rechtlich möglich ist. Deswegen hat sich mein Haus Mitte 2012 mit der „Zukunftsinitiative Sozialgenossenschaften“ das Ziel gesetzt, das Potenzial von Sozialgenossenschaften bekannter zu machen und Informationsdefizite zu beseitigen. Hierzu haben wir auch bereits zusammen mit dem  Expertenrat „Sozialgenossenschaften – selbst organisierte Solidarität“ eine wichtige Hilfestellung in Form eines praxisnahen Ratgebers erarbeitet.

Emilia Müller

Profil: In den vergangenen Jahren sind bayernweit bereits einige Sozialgenossenschaften entstanden. Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Bilanz?

Müller: Bereits seit 2013 unterstützen wir Neugründer auch finanziell mit einer Anschubfinanzierung. Die Bilanz nach Ablauf der ersten Förderperiode zum Jahresende 2014 ist überaus positiv: Derzeit fördern wir sieben modellhafte So zialgenossenschaften, verteilt über fast alle Regierungsbezirke. Die geförderten Genossenschaften reichen vom organisierten Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung über den Erhalt der sozialen Infrastruktur im ländlichen Raum bis hin zu Alltagsunterstützungen für ältere Menschen. Dadurch wird die große Vielfalt der Sozialgenossenschaften deutlich.

In welchen Bereichen sehen Sie Potenziale für weitere Gründungen?

Müller: Grundsätzlich können Genossenschaften Lösungsmöglichkeiten für viele Lebensbereiche bieten. Großes Potenzial sehe ich vor allem beim Erhalt der sozialen Infrastruktur in Räumen mit schrumpfender Bevölkerung oder aber auch aufgrund sich verändernder Familienstrukturen. So können mit Genossenschaften Dienstleistungen organisiert werden, die früher meist Großfamilien abgedeckt haben. Ich denke hier beispielhaft an Familiengenossenschaften, die ergänzend zu den Kinderbetreuungsangeboten Randzeiten abdecken. Sozialgenossenschaften können aber zum Beispiel auch eine Möglichkeit darstellen, für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf einen Weg in den Arbeitsmarkt zu bereiten.

Ihr Ministerium hat das Förderprogramm für Sozialgenossenschaften verlängert. Mit welcher Unterstützung können Gründer auch zukünftig rechnen?

Müller: Wie bereits in den Jahren 2013/2014 unterstützen wir auch in der neuen Förderperiode 2015/2016 Neugründer von Sozialgenossenschaften mit einer Anschubfinanzierung von bis zu 30.000 Euro pro modellhafter Genossenschaft. Für eine Förderung kommen innovative Genossenschaftsgründungen im sozialen Bereich in Betracht, die eine Vorbildfunktion einnehmen und damit zur Bekanntheitssteigerung beitragen können.


Weitere Informationen

Zukunftsinitiative Sozialgenossenschaften: Webseite des Bayerischen Sozialministeriums