Stephan Götzl zur Kapitalmarktunion

"Ohne Banken geht es nicht"

31.03.2015

Die Pläne der EU zur Kapitalmarktunion beobachtet Stephan Götzl, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB), mit Skepsis. Im Interview spricht er über die Schwachstellen des Projekts und die Vorteile der Unternehmensfinanzierung durch Regionalbanken.


Stephan Götzl bei der Bilanzpressekonferenz 2015 der bayerischen Volksbanken und RaiffeisenbankenStephan Götzl äußerte sich bereits mehrmals kritisch zur Kapitalmarktunion, wie hier bei der Bilanzpressekonferenz 2015 der bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken.



Herr Götzl, die EU möchte mit der Kapitalmarktunion mehr Vielfalt in der Unternehmensfinanzierung und damit mehr Wachstum und Beschäftigung erreichen. Wie sehen Sie diese Pläne?


Stephan Götzl: Diese Ziele mögen zunächst nachvollziehbar klingen, sind aber mit Vorsicht zu betrachten. Denn die Pläne sehen beispielsweise die Stärkung der Kreditvergabe von institutionellen Investoren durch Privatplatzierungen vor. Wenn die Kapitalgeber hier nicht der gleichen Regulierung wie die Banken unterliegen, wird diese Finanzierungsform unkontrolliert zunehmen. Auch die angestrebte stärkere Verflechtung von Banken und Kapitalmärkten birgt Stabilitätsrisiken. Liquide Verbriefungsmärkte, wie sie im Grünbuch vorgeschlagen werden, bieten Banken die Möglichkeit, durch eine Entlastung des Eigenkapitals mehr Kredite zu vergeben. Doch wie die amerikanische Subprime-Krise gezeigt hat, kann dies zu einer gefährlichen Abhängigkeit der Banken von solchen Märkten führen.


Haben die kleinen und mittelständischen Unternehmen überhaupt Bedarf an einer Finanzierung über den Kapitalmarkt?


Götzl: Für die meisten Mittelständler stellt der Gang an den Kapitalmarkt keine echte Alternative dar – zu hoch sind die Kosten einer Anleiheemission und die damit verbundenen Publizitätspflichten. Zudem verlangen Anleger für die Anleihen mittelständischer Unternehmen häufig einen Risikozuschlag, da es über sie nur wenige frei verfügbare Informationen gibt. Daran können die Vorschläge der EU-Kommission nur wenig ändern.


Vor diesem Hintergrund betonen Sie als Präsident der bayerischen Kreditgenossenschaften die Rolle von Regionalbanken bei der Unternehmensfinanzierung. Warum?


Götzl: Regionalbanken wie die Sparkassen und Genossenschaftsbanken pflegen langjährige Beziehungen zu ihren Unternehmenskunden. So gewinnen sie persönliche und oft vertrauliche Informationen, die weder standardisierbar sind, noch öffentlich geteilt werden können. Außerdem verfügen sie über genaue Kenntnisse der regionalen Märkte und Wertschöpfungsketten. Deshalb können Regionalbanken mittelständischen Unternehmen eine bedarfs- und risikogerechte Finanzierung anbieten.


Kann die Kapitalmarktunion die gesetzten Ziele - mehr Wachstum und Beschäftigung - überhaupt erreichen?

Götzl: Die schlechte Wirtschaftsentwicklung in vielen Regionen Europas ist nicht auf die nach Meinung der EU-Kommission unterentwickelten Kapitalmärkte zurückzuführen. Vielmehr fehlt es häufig an regional ausgerichteten Mittelstandsbanken. Hinzu kommen verkrustete Wirtschaftsstrukturen, die Investoren abschrecken. Daran kann auch eine Kapitalmarktunion nichts ändern – sie ist kein Ersatz für fehlende Strukturreformen oder eine funktionierende Bankfinanzierung. Das alles zeigt: Ohne Banken geht es nicht. Die Ziele der EU-Kapitalmarktunion können nur erreicht werden, wenn Banken ihre Funktion als Finanzintermediäre weiterhin erfüllen können.