Tag der bayerischen Energiegenossenschaften 2018

Neue Geschäftsfelder für genossenschaftliche Energieprojekte

14.02.2018

Für Energiegenossenschaften gibt es viele interessante Ansätze, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Und das trotz abnehmender Förderung aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. Auf einer Tagung des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB) in Beilngries berichteten Teilnehmer aus der Praxis.

Schallschutzwand mit Solarmodulen von der Energiegenossenschaft Inn-SalzachSchallschutzwand und Photovoltaikanlage: Die Energiegenossenschaft Inn-Salzach (EGIS) zeigte beim Tag der Energiegenossenschaften, wie man neue Geschäftsfelder erschließen kann.


Noch vor wenigen Jahren erlebten Energiegenossenschaften einen Boom. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) garantierte für 20 Jahre eine attraktive Vergütung für Strom aus Sonne, Wind oder Biomasse, der Planungsaufwand war überschaubar, und so fanden sich allerorten engagierte Bürger, die ihren Teil zur Energiewende beitragen wollten.

Die engagierten Bürger gibt es immer noch, doch der Strommarkt hat sich massiv verändert. Bei vielen Energiegenossenschaften der ersten Stunde läuft in den nächsten Jahren die EEG-Förderung aus. Ob sie ihre Anlagen im Anschluss weiter wirtschaftlich betreiben können, ist wegen der niedrigen Börsenstrompreise von im Schnitt 3,5 Cent pro Kilowattstunde fraglich.

Bei neuen Freiflächenanlagen mit einer Spitzenleistung über 750 Kilowattstunden wird die Höhe des EEG-Zuschlags zudem über eine Ausschreibung ermittelt. Zum Zuge kommen nur die Anbieter, die am wenigsten Förderung benötigen. Viele Bürgerenergiegesellschaften tun sich in diesem Umfeld schwer, neue wirtschaftliche Projekte zu finden.

Wie können Energiegenossenschaften darauf reagieren? Darüber diskutierten rund 80 Mitglieder auf dem Tag der bayerischen Energiegenossenschaften Anfang Februar in Beilngries. Eingeladen hatte der Genossenschaftsverband Bayern (GVB). Die Teilnehmer nutzten das Netzwerktreffen im Tagungszentrum der Akademie Bayerischer Genossenschaften (ABG), um grundlegende Fragen zu erörtern. Wie müssen sich Energiegenossenschaften aufstellen, um auch in Zukunft erfolgreich zu wirtschaften? Welche Geschäftsmodelle gibt es? Und was plant der Gesetzgeber in den nächsten Jahren?

Bundestagsabgeordneter Andreas Lenz: 65 Prozent erneuerbare Energien bis 2030


Der Ebersberger Bundestagsabgeordnete Andreas Lenz (CSU) diskutierte zu Beginn der Tagung mit den Teilnehmern über die Energiepolitik der Bundesregierung. Unter anderem haben Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, den Anteil Erneuerbarer Energien am bundesweiten Energiemix bis 2030 auf 65 Prozent zu steigern. Dabei soll die Akteursvielfalt erhalten bleiben.

Lenz warb um Verständnis dafür, dass die Bundesregierung verschiedenen Interessen gerecht werden müsse, etwa beim Netzausbau. Energiepolitik benötige Zeit und könne nicht von heute auf morgen alles verändern.

Energiegenossenschaft Inn-Salzach (EGIS): Beispiele für neue Geschäftsfelder


So lange wollen die Energiegenossenschaften nicht warten. Sie interessierten sich auf der Tagung dafür, wie sie neue Geschäftsfelder erschließen und so ihre Zukunft sichern können. „Photovoltaik lohnt sich immer noch. Es kommt nur auf das richtige Geschäftsmodell an“, war die Botschaft von Pascal Lang, Vorstandsvorsitzender der Energiegenossenschaft Inn-Salzach (EGIS). Die Genossenschaft aus Neuötting wurde zum Beispiel für eine innovative Lärmschutzwand ausgezeichnet, die sie mit Solarpaneelen bestückt hat. Außerdem errichtete sie zusammen mit der Stadt Töging am Inn eine Photovoltaik-Anlage über dem Parkplatz des städtischen Freibads.

Tag der bayerischen Energiegenossenschaften
Die Teilnehmer verfolgten die Vorträge der Experten beim Tag der bayerischen Energiegenossenschaften 2018.


Die EGIS hat die Anlage an die Stadt verpachtet, die mit dem Sonnenstrom die Umwälzpumpe des Freibads betreibt und von einer verminderten EEG-Umlage profitiert. Die Genossenschaft erhält dafür einen festen Pachtzins und ist vom Ertragsrisiko befreit. „Vergessen Sie die kleinen Projekte nicht“, rief Lang die Tagungsteilnehmer auf. Oft lassen sich Photovoltaik-Anlagen mit einem Verbraucher vor Ort kombinieren, etwa mit stromintensiven Pumpen wie im Töginger Freibad oder in Kläranlagen. „Kooperieren Sie mit den Kommunen, das hat Potenzial“, so Lang.

Erzeugergemeinschaft für Energie in Bayern eG empfiehlt Marketing und intelligente Vernetzung


Die Erzeugergemeinschaft für Energie in Bayern eG hat sich zum Ziel gesetzt, die erneuerbaren Energien zur Marktreife zu führen, ohne dass sie weiter von staatlicher Förderung abhängig ist. Vorstandsvorsitzender Andreas Engl stellte verschiedene Ideen vor, wie das gelingen kann. Eine Möglichkeit ist Marketing.

Als Beispiel nannte er die Molkerei Berchtesgadener Land eG. Diese habe es geschafft, die positiven Eigenschaften ihrer Milchprodukte so hervorzuheben, dass die Verbraucher bereit sind, dafür einen höheren Preis zu bezahlen. Dahin müssten auch die Energiegenossenschaften kommen, so Engl. „Ein Produkt ohne Eigenschaften lässt sich schlecht vermarkten. Deshalb müssen wir uns von der Konkurrenz abheben und den Kunden zeigen, warum es sich lohnt, sauberen Strom zu kaufen.“

Engl empfahl, eine Dachmarke zu gründen, unter der die einzelnen Energiegenossenschaften ihren Strom gemeinsam vermarkten können – gerne in Kooperation mit dem regionalen Netzbetreiber, etwa den örtlichen Stadtwerken.

Darüber hinaus sieht Engl ein großes Potenzial in der intelligenten Vernetzung von Stromproduzenten und -verbrauchern über eine regionale, außerbörsliche Handelsplattform. Wenn der Strom regional produziert und verbraucht werde und sich das digital nachweisen lasse, ließen sich auch Netzentgelte und EEG-Umlage sparen, so Engl.

Zukunftsmodelle Mieterstrom und Energie-Contracting


Auf der Tagung wurden viele weitere Möglichkeiten angesprochen, wie Energiegenossenschaften erfolgreich wirtschaften können. Dazu zählt neben der Elektromobilität, der Kombination von Gas, Strom und Wärme (Sektorenkopplung) und einer innovativen Versorgung der Kommunen mit Wärme und Breitband-Glasfasernetzen auch das sogenannte Energie-Contracting. Gemeint sind Dienstleistungen im Energiebereich, zum Beispiel die Umrüstung von herkömmlichen Straßenlaternen auf stromeffiziente LED-Leuchten oder die energetische Sanierung von öffentlichen Gebäuden. Auch hier bietet sich eine Kooperation mit den Kommunen vor Ort an.

Die Energiegenossenschaft Fünfseenland ist ein Vorreiter auf diesem Gebiet. „Wir übernehmen für die Kommunen Leistungen in einem Bereich, der sie zunehmend überfordert“, sagte Gerd Mulert, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft.

Genauso interessant sind Mieterstrom-Projekte, wie Joachim Scherrer, Vorstandsvorsitzender der Bürger Energie Region Regensburg (BERR) erläuterte. Die Genossenschaft betreibt erfolgreich mehrere Mieterstrom-Projekte, bei der die Genossenschaft den vor Ort produzierten Strom direkt an die Mieter des Hauses verkauft. Weil bei Mieterstrom weder Netzentgelte noch Stromsteuer anfallen, ist das Modell sowohl für Energiegenossenschaften als auch für Mieter interessant. Der GVB strebt dazu eine Kooperation mit dem Verband bayerischer Wohnungsunternehmen (VdW) an, um Leuchtturmprojekte zu begleiten.