Taxi-München eG

Eine Genossenschaft macht mobil - seit 100 Jahren

07.11.2017

Die Taxi-München eG feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Ein Streifzug durch ihre Geschichte zeigt, wie sich die Genossenschaft gewandelt hat: Von einem Zusammenschluss von Droschkenunternehmern in den Jahren des Ersten Weltkriegs bis hin zum modernen Dienstleistungsunternehmen, das auch mit E-Autos unterwegs ist.

 

Fahrzeug der Taxi München eG mit Wappen auf der Autotür
Ein Fahrzeug der Taxi-München eG mit dem Wappen der Genossenschaft.



Im Jahr 1917 litt München große Not. Während die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs in Flandern ihren Blutzoll forderten, verlangte die Kriegswirtschaft des Deutschen Kaiserreichs auch den Bürgern der bayerischen Landeshauptstadt einiges ab. Die Versorgung mit Lebensmitteln war weitgehend zusammengebrochen. Handwerkern und Gewerbetreibenden fehlte es an Rohstoffen, weil ihre Kleinbetriebe als „nicht kriegswichtig“ eingestuft worden waren.

Auch die Münchner Droschkenunternehmer traf dieses Los. Sprit, Reifen und Öl für die Autodroschken, Futter für die Pferde der Lohnkutscher – es mangelte an allem. Zudem waren viele Männer zum Kriegsdienst eingezogen worden; zu Hause fehlte ihre Arbeitskraft. Zu ihnen gehörte auch der Vorsitzende der Lohnkutscherinnung, Josef Ostermaier.

Die Vorstände der Lohnkutscherinnung und der Innung des Kraftdroschkengewerbes sahen sich gezwungen, einen gemeinsamen Wirtschaftsbetrieb zu gründen, um ihre Mitglieder mit dem Nötigsten zu versorgen. Am 7. November 1917 riefen sie die Einkaufsgenossenschaft der Kraft- und Pferdedroschkenbesitzer Münchens ins Leben.

Von der Einkaufsgenossenschaft der Kraft- und Pferdedroschkenbesitzer zur Taxi-München eG


100 Jahre später gibt es in München keine Kraft- und Pferdedroschken mehr, sondern Taxis. Und aus der Einkaufsgenossenschaft von damals ist längst die Taxi-München eG geworden. Die rund 1.800 Mitglieder betreiben etwa 3.000 der 3.400 in München gemeldeten Taxis. „Wir sind die größte Taxigenossenschaft Deutschlands“, sagt Vorstand Frank Kuhle stolz.

2016 lag die Bilanzsumme der eG bei 7,6 Millionen Euro. Die Aufgaben haben sich seit der Gründung komplett gewandelt. Der gemeinsame Einkauf spielt keine Rolle mehr, und auch die letzte eigene Tankstelle der Genossenschaft wurde vor vielen Jahren aufgegeben. „Wenn ich heute 1.000 Reifen zu einem sehr günstigen Preis ordere, finde ich im Internet trotzdem ein besseres Angebot. Und dann werde ich die 1.000 Reifen nicht mehr los“, beschreibt Kuhle das Problem.

Ihre Stärken spielt die Genossenschaft an anderer Stelle aus. Zum Beispiel im Dachgeschoss des Hinterhauses Engelhardstraße 6 in München. In einem hellen Großraumbüro sitzen die Mitarbeiterinnen der Taxizentrale mit Kopfhörern vor ihren Bildschirmen. Beinahe im Sekundentakt leuchten die Meldungen auf, wenn Anrufer ein Taxi bestellen wollen und die Münchner Nummer 19410 wählen. „Taxi München, was kann ich für Sie tun?“ Keine halbe Minute später macht sich ein Fahrer auf den Weg, um zum Beispiel eine ältere Dame zu einer Routineuntersuchung ins Klinikum Großhadern zu bringen.

Zentrale der Taxi-München eG ist rund um die Uhr besetzt


60 der 90 Mitarbeiter der Genossenschaft arbeiten in der Taxizentrale, die rund um die Uhr besetzt ist. Sie vermitteln jedes Jahr rund 2 Millionen Fahrten. „Unsere Zentrale ist die arbeitsintensivste Dienstleistung, die wir unseren Mitgliedern und ihren Kunden anbieten“, sagt Kuhle. Weitere 3 Millionen Fahrten vermittelt die Taxi-München pro Jahr über rund 170 Rufsäulen, die über das ganze Stadtgebiet verteilt an 116 Taxi-Standplätzen zu finden sind.


Der Vorstand der Taxi-München eG: Frank Kuhle (li.) und Reinhard Zielinski (re.).
Der Vorstand der Taxi-München eG: Frank Kuhle (li.) und Reinhard Zielinski (re.).


Die Frage, ob eine personalintensive Zentrale in Zeiten von digitalen Vermittlungs-Apps noch zeitgemäß ist, hört Vorstand Kuhle häufig. „Wer sagt, das Taxigewerbe sei altbacken, erzählt völligen Unsinn. Wir bieten 14 verschiedene automatische Vermittlungssysteme an. Da macht uns so schnell keiner was vor.“ Bereits 2010 führte die Genossenschaft die „Taxi München App“ ein – da gab es die in den Medien vielzitierte Konkurrenz von „Uber“ und „mytaxi“ in der Landeshauptstadt noch gar nicht. „Inzwischen setzen wir aber auf die Taxi Deutschland App, weil sich die Kunden nicht für jede Stadt eine eigene Anwendung herunterladen wollen“, sagt Kuhle.

Das Selbstverständnis der Taxi-München beschreiben Kuhle und sein Vorstandskollege Reinhard Zielinski heute so: „Wir sind ein umfassender Servicedienstleister, der die Interessen der Taxiunternehmer und die der Bürger möglichst zum Vorteil beider Seiten in Einklang bringen will.“ Die Taxizentrale sei dafür ein gutes Beispiel. „Sowohl der Kunde als auch der Unternehmer profitieren von der schnellen Vermittlung. Dadurch sparen sich beide Seiten Zeit.“

Zahlreiche Dienstleistungen für Mitglieder der Taxi-München eG


Und das zu stabilen Preisen: „Die Vermittlungspauschale für die Taxiunternehmer haben wir zum letzten Mal vor 13 Jahren angepasst, die Bearbeitungsgebühren heuer sogar gesenkt“, sagt Kuhle. Darüber hinaus setzt sich die Taxi-München in den unterschiedlichsten Bereichen für ihre Mitglieder ein. Sie berät bei Rechtsfragen genauso wie bei betrieblichen Problemen, außerdem hilft sie bei der Fahrzeugbeschaffung. In der Taxi-Schule der Genossenschaft werden neue Fahrer auf die Prüfung für den Personenbeförderungsschein mit Ortskunde vorbereitet. Nicht zuletzt wickelt die Taxi-München auf Wunsch den Zahlungsverkehr ihrer Mitglieder ab. Pro Jahr beläuft sich das Abrechnungsvolumen auf 27 Millionen Euro. „Das ist schon eine Hausnummer“, sagt Zielinski.

Darüber hinaus ergänzen oder ersetzen die Münchner Taxifahrer an vielen Stellen den öffentlichen Linienbetrieb mit Bussen und Bahnen. Sie fahren Schienenersatzverkehr, wenn auf den Gleisen nichts mehr geht. Sie transportieren Patienten zur Dialyse und bringen nachts die Busfahrer der Münchner Verkehrsgesellschaft zur Arbeit, wenn sonst nichts fährt. Und wenn in einer frostklaren Nacht das Auto nicht mehr anspringt, leisten die Münchner Taxler im Auftrag des ADAC Starthilfe, sofern kein Service-Fahrzeug des Automobilclubs in der Nähe ist. „Wir sind Teil des Mobilitätsangebots in München“, sagt Zielinski.

Seit 2008 hat auch das Funkgerät mit Handsprecher ausgedient. Seitdem werden Aufträge per Digitalfunk an den nächsten freien Fahrer vermittelt. Dieser sieht den Auftrag auf einem kleinen Bildschirm im Fahrzeug. Das hat die Auftragsverarbeitung beschleunigt. „Es haben sich schon Kunden beschwert, dass sie gar keine Gelegenheit mehr hatten, ihren Mantel anzuziehen, bevor das Taxi da war“, erzählt Kuhle.

Die per GPS erfassten Verkehrsflussdaten der Münchner Taxis werden übrigens anonymisiert für verschiedene Service-Angebote von externen Dienstleistern ausgewertet. Aktuelle Staumeldungen basieren zum Beispiel auf diesen Informationen. Dennoch können die Kunden unbesorgt ins Taxi steigen, ohne dass jemand davon erfährt, wohin die Fahrt geht. Denn es gibt eine eiserne Regel, die jeder Fahrer kennt, sagt Frank Kuhle, selbst seit 1987 im Taxigeschäft: „Alles, was im Taxi gesprochen wird oder passiert, bleibt für alle Zeiten im Taxi.“


Ein Streifzug in Bildern durch die Geschichte der Taxi-München eG