Unterfränkische Überlandzentrale Lülsfeld

Eine Energiegenossenschaft am Puls der Zeit

09.10.2017

Ob Energiewende oder Liberalisierung des Strommarkts: Die Unterfränkische Überlandzentrale Lülsfeld eG stellt sich seit mehr als 100 Jahren den Herausforderungen ihrer Zeit. Wie man richtig mit Wandel und Veränderungen in einem hoch regulierten Umfeld umgeht, erklärt Vorstand Gerd Bock im Interview.

Windpark der Unterfränkischen Überlandzentrale Lülsfeld. Foto: UEZ
Blick auf einen Windpark der Energiegenossenschaft. Foto: Überlandzentrale Lülsfeld


Profil: Herr Bock, wie hat es die Unterfränkische Überlandzentrale Lülsfeld geschafft, viele andere regionale Stromversorger zu überdauern?


Gerd Bock: Das liegt in erster Linie daran, dass wir eine Genossenschaft sind. Als eG sind wir tief in der Region verankert. Hilfe zur Selbsthilfe, Selbstbestimmung und Selbstverwaltung stehen an oberster Stelle. Wir sind darum in der Zeit um die Jahrtausendwende nicht auf Beteiligungsangebote von Großkonzernen eingegangen. Viele andere regionale Versorger haben das getan und sind in den großen Unternehmen aufgegangen. Zu unserem Beharren auf Eigenständigkeit kommt aber auch noch unsere Unternehmensphilosophie als Grund für das lange Bestehen hinzu. Unser ehemaliger Vorstandsvorsitzender Robert Wächter hat sie einmal mit den Worten „Wir richten unseren Kurs nach dem Stand der Sterne aus, nicht nach den Positionsleuchten der vorbeifahrenden Schiffe“ beschrieben. Das heißt: Wir entscheiden aufgrund unserer eigenen Einschätzungen und nicht nach dem, was andere tun. Haben wir einen Beschluss getroffen, können wir ihn dann dank unserer Größe schneller und flexibler umsetzen als jeder Großkonzern.

Profil: Können Sie Beispiele nennen?

Bock: Da wäre etwa der Entschluss, in die Glasfaserverkabelung einzusteigen. Wir sind 2012 zu der Einschätzung gekommen: Das nützt der Region und hilft, Kunden langfristig an uns zu binden. Diese Entscheidung wäre in einem Großkonzern nie möglich gewesen, weil dort sofort die Wirtschaftlichkeit hinterfragt worden wäre. Wir aber haben die Verhältnisse vor Ort betrachtet, einen Bedarf erkannt und auf diese Karte gesetzt. Das war natürlich ein Risiko, aber ein selbstbestimmtes. Und das zahlt sich jetzt aus.

Profil: Damit haben Sie sich zugleich ein Aufgabengebiet erschlossen, an das die Gründer der Überlandzentrale vermutlich nicht im Traum gedacht hätten. Wie haben sich Ihre Aufgaben im Lauf der Zeit verändert?

Bock: Anfangs galt es, den ständig steigenden Strombedarf zu stillen. Dafür war der schnelle Aufbau von Infrastruktur notwendig. Danach folgte eine Epoche, in der die Versorgungssicherheit an Gewicht gewann. Strom sollte nicht nur in ausreichender Menge, sondern auch ohne Unterbrechungen geliefert werden. In dieser Zeit wurden daher viele Umspannwerke gebaut. In den 1980er und 1990er Jahren setzte dann ein Umdenken hin zu mehr Energieeffizienz und Nachhaltigkeit ein. Im Mittelpunkt stand die Sorge, ob wir auf Dauer genug Ressourcen haben. Mit der Liberalisierung des Strommarkts verschoben sich die Schwerpunkte dann erneut. Plötzlich stand nur noch der Preis im Fokus.

Profil: Wie haben Sie auf diese neuen Anforderungen reagiert?


Bock: Wir haben uns gefragt: Wie schaffen wir es, in der Region eine nachhaltige und zugleich bezahlbare Energieversorgung zu gewährleisten? Die Antwort war das Motto „effizient vor regenerativ, regenerativ vor konventionell“ und damit einhergehend der Umbau der Überlandzentrale zu einem modernen Dienstleister. Wir beraten Unternehmen und Kunden in der Region seitdem bei allen Fragen rund um Wärme, Elektromobilität sowie Energieeffizienz und treiben gleichzeitig den Ausbau erneuerbarer Energien voran. Wir sind diesen Schritt als einer der deutschlandweit Ersten gegangen. Wir waren beispielsweise in den 90ern maßgeblich am Bau der „Sonnenhäuser“ in Arnstein beteiligt. Das sind energieeffiziente Reihenhäuser mit Photovoltaikanlagen. Seitdem sind zahlreiche Windkraft-, Photovoltaik- oder Biomasseanlagen dazugekommen. Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien war aber noch eine weitere Aufgabe verbunden: Wir müssen die enorme Zahl von kleinen, dezentralen Kraftwerken in das Stromnetz integrieren. Allein nach Fukushima mussten wir in kürzester Zeit drei Umspannwerke bauen. Im Moment arbeiten wir daran, unser Stromnetz „intelligent“ zu machen.

Was bedeutet das?

Bock: Bislang haben die Kunden entschieden, wann sie Strom einkaufen, indem sie einfach auf den Einschaltknopf eines Geräts gedrückt haben. In Zukunft werden wir hier manchmal steuernd eingreifen. Denken Sie etwa an eine Nachtspeicherheizung, ein Kühlhaus oder Pumpen in Wasserspeichern. Da kann man ohne Weiteres für eine Stunde den Strom abstellen, wenn der Wind nicht weht und nicht genügend Strom ins Netz eingespeist wird. Gibt es dagegen ein Überangebot, kann man sie unter Volllast laufen lassen. In Zukunft sollen noch Stromspeicher hinzukommen, sodass wir sowohl Stromnachfrage als auch Angebot intelligent managen können.

Profil: Damit sind wir beim Thema Digitalisierung angelangt. Welche Herangehensweise haben Sie hier?

Bock: Wir versuchen, die Digitalisierung als Erfolgsfaktor zu nutzen, indem wir neue Dienstleistungen schaffen, die unseren Kunden in der Region nützen. Ein Beispiel ist – wie schon erwähnt – der Bau von Glasfasernetzen. Das ist aber nicht das einzige neue Angebot. Wir haben zum Beispiel 2001 entschieden, unsere Infrastrukturpläne zu digitalisieren. Jetzt haben wir einen digitalen Plan, in dem jede Stromleitung, jede Straße, jede Straßenlampe und jedes Solarmodul mit sämtlichen technischen Daten und Details verzeichnet ist. Weil das auch für Kommunen interessant ist, haben wir daraus ein neues Geschäftsfeld entwickelt und stellen unsere Pläne als Dienstleister zur Verfügung.


Gerd Bock

Gerd Bock


Profil: Reicht es, auf Veränderungen wie die Digitalisierung zu reagieren, oder ist es dann nicht schon zu spät?


Bock: Man muss agieren und versuchen, die Zukunft ein wenig vorwegzunehmen. Lassen Sie mich das am Beispiel von LEDs in der Straßenbeleuchtung erklären: Als LEDs erstmals auf den Markt kamen, haben wir nicht wie andere abgewartet, ob sich die Technik durchsetzt, sondern sofort Versuche mit den Gemeinden gestartet. Wir wollten selbst herausfinden, wie energiesparend und langlebig die Technik ist. Der Test hat dann unsere Erwartungen bestätigt und wir haben angefangen, Straßenlampen, die wir für die Gemeinden betreiben, mit LEDs auszurüsten.

Profil: Schadet das nicht der Überlandzentrale, wenn Gemeinden weniger Strom für ihre Straßenbeleuchtung beziehen?


Bock: Kurzsichtig betrachtet, ja. Wenn wir uns der Technik aber verweigert hätten, wären irgendwann andere Unternehmen mit LED-Lampen auf die Gemeinden zugegangen und wir hätten den Auftrag verloren. Und nicht nur das: Wir hätten auch unseren guten Ruf und Vertrauen verloren.

Profil: Ist die Unternehmensform der Genossenschafthilfreich, um Veränderungen wie den Bau von Windrädern oder neue Stromtrassen durchzusetzen?

Bock: Ja, weil die Menschen in der Region, und besonders die Kommunen, zu ihrer Überlandzentrale stehen. Denn sie wissen: Als regional verwurzelte Genossenschaft beteiligen wir Betroffene bei unseren Projekten und ermöglichen Mitsprache. Wenn wir uns bei Bedenken letztlich auf eine für alle Seiten tragbare Lösung einigen können, dann machen wir das auch. Die Kommunen und viele Bürger sind zudem Mitglied und nehmen auf diese Weise Einfluss. Daneben gibt es noch einen Aspekt, der uns hilft: Die Überlandzentrale war in der Vergangenheit immer ein guter Wirtschaftsfaktor: Wir zahlen nicht nur Dividende, sondern investieren auch grundsätzlich regional. Das kommt vielen Bürgern und Betrieben hier zugute.

Profil: Wie stellen Sie sicher, dass Sie auch in Zukunft Veränderungen rechtzeitig erkennen und anpacken?


Bock: Dafür gibt es unsere Unternehmensstrategie „ÜZ 2020“. Darin sind Projekte festgeschrieben, die für unsere Zukunft wichtig sind. Wir haben beispielsweise ein Team, das sich mit der internen Leistungskultur beschäftigt. Da geht es darum, die Mitarbeiter auf dem Weg der Veränderungen mitzunehmen und vorzubereiten – beispielsweise mit neuen Arbeitszeitmodellen. Dann gibt es noch Projektteams für Glasfasernetze, Elektromobilität, intelligente Netze oder Energiedienstleistungen. Sie alle widmen sich der Frage: Was kommt auf uns zu und wie stellen wir uns auf?

Profil: Wie wird die Energieversorgung nach Ihrer Prognose in 20 Jahren aussehen?

Bock: Wir rechnen damit, dass die Energieversorgung CO2-frei, regenerativ und elektrisch sein wird. Damit das klappt, müssen wir aber sämtliche Stromquellen, sei es Windenergie aus dem Norden oder Wasserkraft aus dem Süden, dezentral nutzen. Und damit die Versorgung mit diesem Strom effizient und zuverlässig klappt, müssen die Netze digital gesteuert werden. Und darauf bereiten wir uns als Überlandzentrale schon jetzt vor.


Bildergalerie: Die Überlandzentrale Lülsfeld heute