Unternehmensfinanzierung

Wie die EU die Kreditversorgung des Mittelstands gefährdet

04.06.2014

Das Fundament der deutschen Wirtschaft ist ihr Mittelstand. Dessen Erfolg wiederum beruht auch auf der bewährten Kreditversorgung durch die Hausbanken. Die EU will nun alternative Formen der Unternehmensfinanzierung etablieren. Doch damit gefährdet sie die Geldversorgung des Mittelstands.

Lehrling und Ausbilder im Betrieb: Der Erfolg des deutschen Mittelstands ruht auch auf der hiesigen Kreditkultur.Lehrling und Ausbilder im Betrieb: Der Erfolg des deutschen Mittelstands beruht auch auf der hiesigen Kreditkultur.


Wirtschaftlich steht Deutschland 2014 an der Spitze Europas. Die Basis des deutschen Erfolgs sind seine mittelständischen Unternehmen. Viele Firmen aus dem gehobenen Mittelstand sind in ihren Nischen Weltmarktführer. Kleinere Betriebe im Handwerk, in Produktion und im Dienstleistungssegment sind wirtschaftliche Stützen ihrer Region, als Steuerzahler, Arbeitgeber und Kunden. Woher kommt diese Robustheit?

Ein zentraler Grund hierfür ist sicherlich ihre Finanzierungssituation. Diese ist geprägt von langfristigen Krediten, mit deren Hilfe sie zum Beispiel in Fertigungsmaschinen investieren können. Die deutschen Kreditinstitute stellen dem Mittelstand diese Finanzmittel zur Verfügung. Sie übernehmen darüber hinaus im langfristigen Firmenkreditgeschäft das Zinsänderungsrisiko. Das gibt den Unternehmen Planungssicherheit. Ähnlich argumentiert auch Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, im Interview mit "Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt": "Für den Mittelstand ist der klassische Bankkredit die wichtigste Quelle der Fremdkapitalfinanzierung."

Vor allem die Sparkassen und Genossenschaftsbanken engagieren sich in diesem Kreditsegment. Die GVB-Mitgliedsinstitute haben rund 85 Prozent ihrer gesamten Kredite mit einer Laufzeit von über fünf Jahren ausgereicht. Bei der Unternehmensfinanzierung liegt der Anteil der langfristigen Bankkredite mit knapp 70 Prozent in Deutschland deutlich über dem Durchschnitt von 58 Prozent im Euroraum.

EU-Regulierung bedroht Unternehmensfinanzierung des Mittelstands


Die gegenläufige EU-Regulierung droht aktuell die gewachsene deutsche Kreditkultur zu zerstören. Bislang wirkte die langfristige Kreditvergabe wie ein Puffer, der Unternehmen und Privathaushalte von den Turbulenzen des Kapitalmarkts abschirmt. Die EU diskutiert nun, den deutschen Mittelstand genau dessen Unbilden auszusetzen.

Wobei unwahrscheinlich ist, dass allzu viele KMU Zugang zu den Kapitalmärkten erhalten. Denn Anleihen sind im Gegensatz zu dem, was die EU-Kommission glaubt, keine geeignete alternative Finanzierungsform für den breiten Mittelstand. Eine Anleiheemission ist mit fixen Kosten verbunden, etwa für die Erstellung eines Ratings, die Notierung an der Börse oder die PR-Arbeit zur Gewinnung von Investoren. Deshalb lohnt sich eine Kapitalmarktfinanzierung erst bei einem Mittelbedarf in zweistelliger Millionenhöhe.

Der Finanzierungsbedarf der meisten mittelständischen Betriebe ist aber weitaus geringer. Für die große Mehrheit der Mittelständler werden damit ihre Bedürfnisse nicht adäquat vom Kapitalmarkt befriedigt – schon gar nicht zu günstigen Bedingungen.

Kapitalmarkt deckt nicht die Bedürfnisse mittelständischer Unternehmensfinanzierung


Denn oft sind die Konditionen dort schlechter. Hinzu kommt das Platzierungsrisiko. Es besteht die Gefahr, dass der Emittent seinen Bedarf an Fremdkapital nicht decken kann. Private Investoren, wie Fonds, stellen ebenfalls keine Alternative zur Bankenfinanzierung dar. Sie sind regelmäßig nicht bereit, sich über mehrere Jahre oder Jahrzehnte an ein bestimmtes Unternehmen zu binden, da sie im Gegensatz zu Banken keine dauerhaften Liquiditätsrisiken übernehmen wollen. Auch scheuen sie das Risiko steigender Zinsen, denn eine Zinswende belastet die Rendite.

Eine weitere Hürde: "Wer Anleihen herausgibt, öffnet sein Unternehmen für neue Anteilseigner und muss Publizitätspflichten erfüllen, was nicht jedem Mittelständler – auch im Hinblick auf die Konkurrenz – passt", erklärt  IHK-Chef Driessen.

Unternehmen greifen bei Fremdfinanzierung vorwiegend auf Bankkredit zurück


Es überrascht also nicht, dass Unternehmen bei der Fremdfinanzierung überwiegend auf Darlehen ihrer Hausbank zurückgreifen. Nach Angaben der Bundesbank nahmen die nicht-finanziellen Unternehmen in den vergangenen 20 Jahren jährlich rund 50 Milliarden Euro an Krediten auf, während an den Finanzmärkten lediglich 6 Milliarden Euro Fremdkapital eingesammelt wurden.

Die Öffnung des Mittelstands für alternative Finanzierungsformen, die die EU anstrebt, wird daher vor allem eine Folge haben: Aus der Angst der Kommission vor einer Kreditklemme wird eine ausgewachsene Refinanzierungskrise. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein vitales System miteinander konkurrierender Finanzierungsmodelle entsteht, ist gering. Ähnlich sieht das IHK-Chef Driessen: "Eine willkürliche Förderung der Kapitalmarktfinanzierung oder sonstiger alternativer Finanzierungsmodelle mit der Absicht, die Bedeutung der Banken als die „Langfristfinanziers“ zu  schwächen, birgt die Gefahr, am Bedarf der Unternehmen vorbeizugehen." Realistischer ist also, dass den KMU mit ihren Hausbanken hierzulande schlicht ihr langjähriger Finanzierungspartner wegbricht.


Mehr zum Thema und das vollständige Interview mit Peter Driessen lesen Sie in der Juni-Ausgabe von "Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt".