Vanessa Lünenschloß / Jan Zimmermann

„Europas dreckige Ernte – das Leid hinter dem Geschäft mit Obst und Gemüse“

27.09.2019

Frisches Obst und Gemüse zu günstigen Preisen – die Supermarktregale sind voll davon. Doch hinter preiswerten Tomaten, Gurken, Orangen verbirgt sich oft großes Leid: Zehntausende Flüchtlinge und Migranten werden als Erntehelfer in Spanien und Italien unter menschenverachtenden Bedingungen ausgebeutet.

Tausende Feldarbeiter können sich keine Wohnung leisten. Sie leben in selbstgebauten Hütten aus Müll, ohne Wasser und Strom. Gearbeitet wird trotz Einsatz von giftigen Spritzmitteln oft ohne Schutzkleidung. Diese Missstände haben die Filmautoren Vanessa Lünenschloß und Jan Zimmermann vor Ort im spanischen Almeria und auf Sizilien aufgedeckt. Ihre Reportage zeigt noch mehr auf: Die Europäische Union unterstützt mit millionenschweren Subventionen diese landwirtschaftlichen Betriebe, die gegen Sozialstandards verstoßen und Lohn- und Arbeitsschutzvorschriften missachten. Auch der deutsche Lebensmitteleinzelhandel trägt eine Verantwortung. Das Ergebnis sei ein gnadenloses Lohndumping, so die befragten Experten, und Erntehelfer, die nur 25 Euro am Tag verdienen.


Die Jury überzeugte die Authentizität der TV-Reportage und die aufwendige, hartnäckige Recherche. Die beiden Autoren haben über ein Jahr intensiv daran gearbeitet. Die Geschichte sei gänzlich ungeglättet und verfolge einen als Verbraucher damit umso mehr: Vom ersten Supermarkt-Besuch danach an verändere sie das Bewusstsein und das Verhalten, so das Urteil.

Dabei haben die Reporter viel gewagt und sowohl sich als auch ihre Gesprächspartner in riskante Situationen begeben. Die Jury: „Jan Zimmermann und Vanessa Lünenschloß haben aufgezeigt, dass Recherche und Rechercheergebnisse wehtun können. Es ist ihnen gelungen klarzumachen: Den Preis, den wir als Verbraucher nicht zahlen, zahlen dafür andere Menschen. Das ist der verdrängte Skandal hinter dem preiswürdigen TV-Stück und seiner überragenden multimedialen Umsetzung. Es verwundert nicht, dass die Story bundesweit in allen wichtigen deutschen Medien zitiert wurde. Ihre Wirkkraft war enorm und sie hält bis heute an.“

Fragen an die Preisträger Vanessa Lünenschloß und Jan Zimmermann


Vanessa Lünenschloß und Jan Zimmermann

Wie sind Sie auf die Idee für den Beitrag gekommen?

Vanessa Lünenschloß / Jan Zimmermann: Wir haben schon häufig über Missstände in verschiedenen Bereichen des Handels berichtet – zum Beispiel über Verbrauchertäuschung in der Textilbranche oder der Handel mit pestizidbelastetem Obst- und Gemüse. Wir hatten also im Bereich des internationalen Handels schon gute Kenntnisse und Kontakte.

Als wir dann von früheren Informanten hörten, dass auf Feldern in Südeuropa Flüchtlinge für unser Obst und Gemüse schuften sollen, war uns sofort klar, dass wir dem nachgehen wollen. In den ersten Gesprächen, die wir geführt haben, fiel das Wort „Sklavenarbeit“. Das ist schon eine unglaubliche Vorstellung: Dass es in Europa heute noch Sklaven geben soll und dass Produkte aus Sklavenarbeit in deutschen Supermärkten verkauft werden bzw. fast täglich auf unseren Tellern landen. Das ist eine Geschichte, die jeden betrifft, und die wir unbedingt erzählen wollten.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie bei der Recherche des Themas konfrontiert?

Lünenschloß / Zimmermann: Es gab verschiedene Hürden. Zunächst war es sehr schwer, Kontakte zu Erntehelfern herzustellen. Viele sind Flüchtlinge aus Afrika, illegal im Land und fürchten eine Ausweisung. Daher erhalten sie kaum Unterstützung durch die großen Gewerkschaften in Spanien und Italien. Nur eine kleine Gruppe von Helfern kümmert sich um ihre arbeitsrechtliche Situation oder bietet medizinische Hilfe an. Über diese Vertrauenspersonen konnten wir schließlich Kontakte aufbauen und Erntehelfer persönlich kennenlernen.

Des Weiteren herrscht unter den Feldarbeitern ein Klima der Angst. Arbeitsvermittler und auch die Landwirte selbst nutzen ihre Machtposition aus. Sie drücken die ohnehin viel zu niedrigen Löhne und verlangen zusätzlich Geld für Transport oder Nahrungsmittel von den Feldarbeitern. Die Erntehelfer berichteten uns auch von gewalttätigen Übergriffen durch Landwirte. In Italien hat sich ein kriminelles System etabliert, bei dem auch die Mafia mitmischt. Viele Arbeiter, Landwirte und sogar Gewerkschafter schweigen aus Furcht zur Zielscheibe der Kriminellen zu werden. Die Recherchen in diesem Umfeld waren sehr langwierig, anstrengend und zum Teil gefährlich.

Worin lag Ihr Erkenntnisgewinn?

Lünenschloß / Zimmermann: Eine wichtige Erkenntnis ist: Viel Obst und Gemüse kommt aus Ausbeuterbetrieben. Verbraucher haben beim Einkauf kaum eine Chance, zu erfahren, woher die Ware kommt, unter welchen Bedingungen sie geerntet wurde und ob beim Anbau, bei der Ernte und beim Handel die italienische Mafia ihre Hände im Spiel hatte. Kriminelle Banden verdienen nach unseren Recherchen nicht nur an der Ware selbst, sondern auch an Verpackungsmaterialien wie Kisten und Folien mit.

Eine weitere sehr wichtige Erkenntnis war: Die EU tut kaum etwas, um dieses „dreckige Geschäft“ zu stoppen – im Gegenteil, sie unterstützt es sogar. Wir konnten belegen, dass Betriebe, die ihre Arbeiter nachweislich ausbeuten, Millionen Euro von EU-Subventionen erhalten haben. Dennoch sehen sich beispielsweise Politiker in Spanien und Italien, EU-Abgeordnete sowie der zuständige Agrarkommissar, die wir alle mit unseren Recherchen konfrontiert haben, nicht in der Verantwortung.