Kulmbacher Kommunbräu stellt Vertrieb in Corona-Krise um

Bier abholen als Event

10.07.2020

Dieser Artikel ist Teil des Beitrags „Genießen trotz Corona“ in unserem GVB-Magazin „Profil – das bayerische Genossenschaftsblatt“. Die aktuelle Ausgabe finden Sie auf www.profil.bayern.

Über einen Fernsehbericht zur Wiedereröffnung nach der Corona-Zwangspause hätten sich wohl viele Gastwirte gefreut. Bei der Kulmbacher Kommunbräu e.G. – Reale Bierwirtschaft hat das geklappt: Als am 18. Mai erstmals Gäste in den Biergärten kommen durften, war das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) live vor Ort. Vier Wochen lang berichtete der öffentlich-rechtliche Sender im Mai unter dem Label „ZDF in Kulmbach“ über das Leben in der oberfränkischen Stadt. Dabei besuchte das Reporter-Team auch die genossenschaftliche Brauerei mit angeschlossenem Wirtshaus. „Die Zusammenarbeit hat super funktioniert – und eine bessere Reklame zum Neustart hätten wir uns nicht wünschen können“, sagt Betriebsleiter Alexander Matthes.

Die Kulmbacher Kommunbräu hat ihre Gasträume an Wirt Frank Stübinger verpachtet. Für beide war die Wiedereröffnung von Wirtshaus und Biergarten eine Erlösung. Dort macht die genossenschaftliche Brauerei rund zwei Drittel ihres Umsatzes. Außerdem liefert die Genossenschaftsbrauerei an andere Gasthäuser und den Getränkefachhandel. Ein weiteres Standbein ist der Direktverkauf von Fass- und Flaschenbier, zum Beispiel für Feste.


Betriebsleiter und Braumeister Alexander Matthes. Foto: Kulmbacher Kommunbräu eG – Reale Bierwirtschaft.

Eigentlich ein krisensicheres Geschäft, denn Bier wird immer getrunken. Doch als der Lockdown im März kam, fiel von einem Tag auf den anderen ein Großteil des Umsatzes weg. Besonders bitter: Da Bier bis zur Reife vier bis sechs Wochen lagern muss und sich die Genossenschaft auf ein Frühjahr mit zahlreichen Festen und Besuchern eingestellt hatte, waren die Tanks randvoll. „An dieser Stelle ist es uns zugutegekommen, dass wir sehr konservativ rechnen. Ein Szenario mit null Prozent Umsatz für mehrere Wochen liegt bei uns schon lange in der Schublade. Dementsprechend haben wir auch Rücklagen gebildet. Das hat uns in der Corona-Krise geholfen“, sagt Matthes. Nichtsdestotrotz musste sich die Genossenschaft überlegen, wie sie den Umsatzeinbruch auffangen konnte.

„Uns kam es wie in einem Taubenschlag vor: Sobald ein Kunde Bier abgeholt hat, kam schon der nächste“
 

Erste Maßnahme: Den Direktvertrieb stärken. Normalerweise verkauft die Genossenschaft ihr Bier in ausgewählten Getränkefachläden, Edeka-Märkten und im Wirtshaus. Nun entschieden die Verantwortlichen, einen eigenen Straßenverkauf einzurichten. Zudem wandte sich die Genossenschaft mit einem Brief an die Mitglieder und bat um „schluckkräftige Unterstützung“. Tatsächlich kamen in den folgenden Tagen zahlreiche Mitglieder und sonstige Kunden vorbei, um ein oder mehrere Kästen zu kaufen. „Uns kam es wie in einem Taubenschlag vor: Sobald ein Kunde Bier abgeholt hat, kam schon der nächste“, sagt Matthes. Zu dem Erfolg hatte der Betriebsleiter ganz unbewusst mit einem Video beigetragen. Er filmte sich – eigentlich nur zur Dokumentation gedacht – wie er zwei Hektoliter Bier entsorgte, das für den Ausschank in der Gaststube gedacht war, aber Stickstoff aufgenommen hatte. „Das Bier war nicht schlecht, aber es hatte nicht mehr die gewohnte Qualität“, sagt Matthes. Die Botschaft des Videos war jedoch klar: Die Kommunbräu muss wegen Corona Bier wegschütten. Über die sozialen Netzwerke teilten die Menschen das Video. Viele nahmen das zum Anlass, Bier zu kaufen und so die Genossenschaft zu unterstützen. Matthes: „Der gute Absatz und eine Pause in der Produktion haben dafür gesorgt, dass wir unsere Tanks leer bekommen haben.“

Eine weitere Neuerung betraf das Sortiment. Die Genossenschaft braut jeden Monat ein Spezialbier, im Januar etwa ein Brezenbier oder im Mai einen Maibock. Üblicherweise gibt es diese exklusiv im Gasthaus. Heuer hat die Kommunbräu entschieden, die Monatsbiere erstmals in Flaschen abzufüllen und direkt sowie über die Getränkefachmärkte zu verkaufen. Ein Erfolg: Der Maibock war binnen vier Tagen ausverkauft. Normalerweise ist er rund drei Wochen im Ausschank. „Für viele Menschen war es ein Event, das Spezialbier bei uns zu kaufen. Sie wollten nach der langen Zeit zu Hause einfach mal rauskommen. Da ist die ganze Familie im Auto teils 50 bis 60 Kilometer zu uns gefahren. Als wir dann kein Spezialbier mehr hatten, waren sie glücklicherweise nicht sauer, sondern haben eine Kiste Helles oder Bernstein mitgenommen“, sagt Matthes.

Und wie sieht der Vertrieb in Zukunft aus? „Die Getränkefachmärkte haben uns während der Corona-Zeit den Absatz gesichert. Deswegen ist es nur fair, dass wir sie auch in Zukunft mit dem Monatsbier versorgen“, sagt Matthes. Auch der Straßenverkauf bleibt offen. „Natürlich ist damit mehr Aufwand verbunden. Dafür erhalten wir logischerweise eine deutlich höhere Marge“, betont der Betriebsleiter. Die Genossenschaft ist sich sicher, dass sich die neuen Vertriebswege lohnen und dazu beitragen, noch mehr Kunden für ihr handwerklich gebrautes Bier zu gewinnen.

Nicht nur Brauereien haben in der Krise aus der Not eine Tugend gemacht. Auch andere bayerische Genossenschaften zeigten in der Krise Kreativität. Lesen Sie mehr dazu in der aktuellen Ausgabe von „Profil – das bayerische Genossenschaftsblatt“.