Wahlsonntag bei der Raiffeisenbank Main-Spessart

Stimmzettel statt Kontoauszug

18.04.2016

Genossenschaftsmitglieder dürfen alle vier Jahre die Vertreterversammlung wählen, das höchste Entscheidungsorgan einer eG. In der Regel geschieht das per Briefwahl oder in der Mitgliederversammlung. Die Raiffeisenbank Main-Spessart ist einen anderen Weg gegangen: Sie hat ihre Mitglieder am vergangenen Sonntag in deren Filialen abstimmen lassen. So hat sich die Wahlbeteiligung auf einmal fast verfünffacht. Wie das möglich war, berichtet Hilmar Ullrich, Bereichsleiter Marketing und Kommunikation.


Auszählung bei der Vertreterwahl der Raiffeisenbank Main-SpessartStimmauszählung bei der Vertreterwahl der Raiffeisenbank Main-Spessart: Über 9.000 Mitglieder haben sich beteiligt.


Herr Ullrich, wie ist denn die Wahlbeteiligung am Sonntag ausgefallen?


Hilmar Ullrich: Wir sind überwältigt, was hier abgelaufen ist. Die Wahlbeteiligung lag bei 23 Prozent. Das ist unserer Meinung nach ein unglaublicher Wert. Über 9.000 Mitglieder haben in den Filialen gewählt. Bei der letzten Mitgliederversammlungen lag die Wahlbeteiligung bei fünf Prozent. Das war ein Wert, mit dem man leben kann. Aber dass sich die Beteiligung derart stark steigern lässt, das war schon bemerkenswert.


Die Wahlbeteiligung hat sich also nahezu verfünffacht?

Ullrich: Ja, das haben Sie richtig verstanden.


Das ist bemerkenswert, denn bei vielen politischen Wahlen geht der Trend eigentlich hin zur Briefwahl statt zur persönlichen Stimmabgabe. Wie erklären Sie sich das?

Ullrich: Eine Briefwahl gab es nicht. Wir hatten sie andiskutiert, uns aber entschieden, keine Alternative zur Wahl in den Filialen anzubieten. Das heißt, wählen konnte man an diesem Tag und in den jeweils zugeordneten Filialen. Und wir haben ja die Stimmabgabe verbunden mit einer Spende für die regionalen Kindergärten und eine Gewinnspielmöglichkeit in jeder Filiale. Ich denke, das war dieses Zusammenspiel, das dazu beigetragen hat, dass die Menschen gekommen sind. Am Ende sind 20.000 Euro zusammengekommen, die wir an die Kindergärten ausschütten werden. Das haben die Wähler ermöglicht.


Wie war die Reaktion der Mitglieder auf diese Aktion?

Ullrich: Ich war in einigen Filialen vor Ort, hatte dort mehrere Gespräche und die Reaktionen waren absolut positiv. Einmal waren es natürlich die Leute, die das mit dem Kindergarten mitbekommen haben. Die hatten dann auch die Stimmkarten ihrer Kinder dabei, für die sie ja als gesetzliche Vertreter ihre Stimme abgegeben haben. Sie haben gesagt, das gibt ja acht bis zehn Euro aus unserer Familie für den Kindergarten, das machen wir.


Also sind die Leute durchaus offen für diese Art der Wahl?


Ullrich: Es gibt natürlich schon immer Vertreterwahlen durch die Mitglieder, aber die Wahrnehmung war für die Leute immer ganz anders, also dass es sowas überhaupt gibt. Das haben viele vorher gar nicht wahrgenommen. In den Versammlungen war ja nur ein Bruchteil der Mitglieder. Wenn wir Mitgliederversammlungen gemacht haben, dann haben wir bei 40 Veranstaltungen etwa 2.000 Menschen erreicht. Und jetzt waren es 9.000 Menschen. Das ist eine ganz andere Dimension. Man nimmt jetzt wahr, welche Mitsprachemöglichkeiten da bestehen. Es wurde dann auch gefragt, wie man überhaupt auf die Liste kommt. Im Vorfeld findet man da immer schwer Leute, die sich dafür aufstellen lassen.


Also hat man das Bewusstsein für die genossenschaftliche Mitbestimmung gestärkt?


Ullrich: Ja, das ist hier absolut gelungen.


Wie lief die Aktion aus Sicht der beteiligten Mitarbeiter?


Ullrich: Es war was komplett Neues. Und wie immer bei neuen Dingen gab es natürlich auch Skepsis: Der Aufwand, den wir da betreiben, wir haben in die ganze Ausstattung investiert, die Mitarbeiter eingesetzt. Das war natürlich ein enormer Marketingaufwand und da gab es natürlich Fragen, ob sich das lohnt. Es war aber dann gestern schon während des Tages Erleichterung zu spüren, dass es tatsächlich funktioniert. Und die Mitarbeiter haben gesehen, dass sie nicht umsonst drei bis vier Stunden in der Filiale stehen. In vielen Geschäftsstellen war ohne Unterbrechung Betrieb und teilweise gab es eine Wahlbeteiligung von 46 oder 47 Prozent. Das waren die Spitzenreiter und das hat die Mitarbeiter natürlich gefreut, dass ihr Einsatz auch belohnt wird.


Dann wird Ihre Bank bei der nächsten Wahl zur Vertreterversammlung also an diesem Konzept festhalten?


Ullrich: Wir haben die Vorarbeit geleistet und Erfahrung gesammelt, haben ein Konzept erstellt, wie man sowas machen kann und unsere Wahlordnung dahingehend aufgestellt. Ich glaube nach heutigem Stand nicht, dass nochmal eine andere Form der Wahl für uns in Frage kommt.



Weitere Informationen

Webseite der Raiffeisenbank Main-Spessart zur Vertreterwahl