Winzerkeller Sommerach eG

Zwischen Mut und Vorsicht

01.06.2015

Der Winzerkeller Sommerach ist die älteste Winzergenossenschaft in Franken. Der heutige Vorstandschef Frank Dietrich lässt sich vom Mut der Gründer inspirieren – ohne jeden Trend mitzumachen.

Weine der Winzerkeller Sommerach eG. Foto: Winzerkeller Sommerach eGGenossenschaftliche Weinspezialitäten im Boxbeutel. Foto: Winzerkeller Sommerach eG


Seit Jahrhunderten prägen sie die Landschaft in Franken: die Weinberge entlang des Mains. Vor allem im Sommer genießen die Menschen die Idylle zwischen den am Hang gelegenen, grünen Reben – auch in Sommerach, einer kleinen Gemeinde im unterfränkischen Landkreis Kitzingen. Doch nicht immer war es in dem knapp 1.400-Seelen-Ort so idyllisch: Um 1900 waren die meisten Reben von Krankheiten zerfressen, eiskalte Wintermonate hatten den Pflanzen zugesetzt.

„Die Winzer in Sommerach waren um die Jahrhundertwende bitterarm“, sagt Frank Dietrich. Genau diese bitterarmen Menschen haben seinen heutigen Arbeitsplatz geschaffen. 35 Familien gründeten im Jahre 1901 die Winzerkeller Sommerach eG, die Dietrich seit 2004 hauptberuflich leitet. Den beispiellosen Mut der Gründer bewundert der Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzende bis heute. Er versucht, sich von deren Leistung inspirieren zu lassen.

Es war ein Experiment, sich zu einer Genossenschaft zusammenzuschließen, einer bis dato im Weingeschäft relativ unbekannten Rechtsform. „Trotzdem haben die Menschen in den Winzerkeller investiert“, sagt Dietrich. Auch er setzte bei seiner Geschäftsübernahme auf neue Strategien mit ungewisser Zukunft. So definierte er beispielsweise erstmals eine Kundenzielgruppe und Qualitätsmerkmale für das Produkt. Ein Unternehmensberater erklärte ihm später, dass er durch diese Maßnahme mehr als die Hälfte seiner Kunden hätte verlieren können. Dieser Fall sei zwar nicht eingetreten, stattdessen seien viele neue Abnehmer dazugekommen. „Trotzdem gut, dass ich das nicht vorher wusste“, sagt Dietrich.

Parallelen zu den Anfängen ziehen sich weiter durch die über 100-jährige Geschichte des Winzerkellers: Die Gründungsmitglieder hatten beispielsweise damals damit begonnen, den Wein direkt an die Kunden zu verkaufen, statt in Sommerach nur den Händlern zu präsentieren. „Die Winzer zogen durchs Land und machten ihren Wein bekannt“, sagt Dietrich. Für die damalige Zeit war das ein völlig neuer Vertriebsweg, der funktionierte: Der Frankenwein wurde immer bekannter und bei den Mitgliedern ging es finanziell bergauf.

Sommerbar der Winzerkeller Sommerach eG. Foto: Winzerkeller Sommerach eG
Die Sommerbar der Genossenschaft. Foto: Winzerkeller Sommerach eG


205 Mitglieder zählt die Genossenschaft heute, verteilt auf 90 Familien mit einer Anbaufläche von knapp 200 Hektar. 15 Familien leben ausschließlich vom Weinbau, die meisten betreiben ihn nebenberuflich. Mit der Größe seiner Genossenschaft ist Dietrich zufrieden. „Sonst wäre eine genaue Qualitätskontrolle nicht mehr möglich.“ Die ist Chefsache: Dietrich selbst berät die Winzer und sorgt für eine zeitgemäße Vermarktung.

Und das sei umso wichtiger, da sich das Konsumverhalten der Weintrinker ständig verändert, sagt Dietrich. Während sein Vorgänger Eugen Preißinger überwiegend mit Kunden zu tun hatte, die bei ihrem Stammwinzer zweimal im Jahr größere Mengen ihres Lieblingsweins kauften, trifft Dietrich auf eine experimentierfreudige und sprunghaftere Generation.

Das ist aber nicht alles, was sich gewandelt hat. Das Weintrinken wird auch immer mehr als Erlebnis zelebriert. Der Winzerkeller hat darauf reagiert : Seit einigen Jahren gibt es das Weinreich in Sommerach. Dort können Besucher nicht nur essen und Wein trinken, sondern auch an Führungen oder Schulungen teilnehmen. Kooperationen gibt es unter anderem mit einem Koch, der sich in Kursen der idealen Kombination von Essen und Wein widmet, oder mit Landwirten, die ihre Produkte vertreiben. Wichtig ist Dietrich dabei der Bezug zur Region : »Die Menschen wollen wissen, wo die Ware herkommt.« Er kann sich auch vorstellen, ein Hotel zu eröffnen – mit speziellen Angeboten für Weinliebhaber.

Doch nicht auf jeden Zug springt der Vorstandsvorsitzende auf. Mit Rebsorten experimentieren die Winzer beispielsweise kaum. Der Silvaner sei eben trocken, selbst wenn ihn die Bevölkerung zeitweise lieber süß hätte. Auch in der Aufbereitung greifen die Mitglieder lieber auf altbewährte Methoden zurück. Es ist ihre Art, den Spagat zwischen Mut und Vorsicht zu meistern.