Zwischenbilanz der bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken 2013

03.09.2013

von Prof. Dr. h.c. Stephan Götzl

Nach einer kurzen Verschnaufpause gewinnt die bayerische Wirtschaft an Fahrt. Von Monat zu Monat verbessert sich die Unternehmensstimmung. Im Verarbeitenden Gewerbe haben Auftragseingang und Produktion die Talsohle durchmessen und es geht wieder aufwärts. Mit einer Arbeitslosenquote unter 4 Prozent befindet sich Bayern auf dem Weg in Richtung Vollbeschäftigung.


Die stabile Wirtschaftslage spiegelt sich in den Bilanzen der bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken wider. Vom Jahreswechsel bis Juni 2013 legte ihr Kreditvolumen um 1,7 auf 77,3 Milliarden Euro zu. Dies entspricht einem Anstieg von über 2 Prozent. Abermals erwies sich die Kreditnachfrage der Firmenkunden als Wachstumstreiber: Die Ausleihungen an das Baugewerbe sowie den Dienstleistungssektor – welche von der ordentlichen Binnenkonjunktur profitieren – stiegen um rund 5 Prozent.


Während die rückläufige Kreditvergabe in Europa für die Regierungen und Notenbanken eine schwierige Herausforderung darstellt, ist der Mittelstand im Freistaat also solide finanziert. Das bestätigen auch aktuelle Umfrageergebnisse. So zeigt die vierteljährliche Bank Lending Survey der Bundesbank, dass die Kreditrichtlinien der deutschen Banken seit geraumer Zeit kaum mehr verschärft wurden.


Dementsprechend erreichte der Anteil der Firmen, die beim monatlichen ifo-Konjunkturtest von Restriktionen bei der Darlehensvergabe berichten, im Sommer einen historischen Tiefstand. Die Kreditvergabe dürfte somit in den kommenden Monaten auf Expansionskurs bleiben.

Auf gleichbleibendem Niveau bewegte sich dagegen die Bilanzsumme. Sie lag unverändert bei 132,9 Milliarden Euro. Hauptursache hierfür war die stagnierende Entwicklung der Kundeneinlagen im ersten Halbjahr. So verzeichneten die Genossenschaftsbanken einen leichten Rückgang um 0,4 auf 100,9 Milliarden Euro. Dabei setzte sich die Umschichtung von längerfristigen Termin- und Spareinlagen zu kurzfristigen Geldanlagen fort. In der ersten Jahreshälfte wurden bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken im Freistaat 2,2 Milliarden Euro von Termingeldkonten aufgelöst, während 1,8 Milliarden Euro als täglich fällige Gelder angelegt wurden.


Da das Volumen der Kundeneinlagen bei Weitem die Darlehensvergabe übersteigt, bleibt ihr Rückgang ohne Auswirkung auf die Kreditvergabe. Eine stabile Refinanzierung der bayerischen Genossenschaftsbanken ist deswegen jederzeit gewährleistet. Erfahrungsgemäß ist außerdem in der zweiten Jahreshälfte noch mit einem Wachstumsschub bei den Einlagen zu rechnen.
Ungeachtet dessen verschärft sich die Konkurrenz unter den Banken um Kundengelder weiter. Insbesondere die Direktbanken erfahren starken Zulauf. Die Onlinetochter der Commerzbank konnte in der ersten Jahreshälfte ein Einlagenwachstum von knapp 7 Prozent erzielen. Nach wie vor wird der Wettbewerb dabei teilweise durch staatliche Beihilfen und implizite Garantien verzerrt.


Auch die niederländische Rabobank konnte nach ihrem Markteintritt in Deutschland binnen Jahresfrist über 200.000 neue Kunden gewinnen. Die Sicherheit der Ersparnisse scheint noch nicht für alle Verbraucher das maßgebliche Entscheidungskriterium bei der Kapitalanlage zu sein. Denn beispielsweise verfügt die Einlagensicherung in den Niederlanden – anders als die genossenschaftliche Sicherungseinrichtung in Deutschland – über keinen vorsorglich aufgebauten Krisenfonds.


Die Volksbanken und Raiffeisenbanken tun deshalb gut daran, den Kunden die Wirkungsweise und Vorteile ihres eigenen Institutsschutzes zu erklären. Schließlich besteht dessen Nutzen nicht nur in der Sicherung der Einlagen, sondern auch in der Sicherung der Finanzstabilität insgesamt.


Außerhalb der Bilanz verzeichneten die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken bei den von ihnen verwalteten Kundenanlagen im ersten Halbjahr 2013 ein Plus von knapp 3 Prozent auf 58,2 Milliarden Euro. Der Anstieg ist vorwiegend auf Kursgewinne an den Finanzmärkten zurückzuführen.
Das Neugeschäft entwickelte sich dagegen trotz lebhafter Nachfrage nach einzelnen Produkten wie Bausparverträgen oder Immobilienfonds insgesamt verhalten. Insbesondere im Wertpapiergeschäft wirft die Finanzkrise ihren langen Schatten: Seit 2008 ist die Anzahl der Kundendepots bei den Genossenschaftsbanken im Freistaat um beinahe ein Drittel gesunken.


Bei den Anlegern ist vor dem Hintergrund der Euro- und Staatsschuldenkrise erhebliche Verunsicherung spürbar. Sie scheuen vor rentierlichen Anlageformen wie Wertpapieren oder längerfristigen Bankeinlagen zurück. So sank der Wertpapieranteil am Geldvermögen der Privathaushalte von 2007 bis 2012 um 8 Prozentpunkte auf 23 Prozent.


Gleichzeitig gewannen Bargeld und Sichteinlagen mit einem Plus von 7 Prozentpunkten auf 21 Prozent erheblich an Stellenwert. Diese Anlagestrategie ist jedoch fruchtlos und insbesondere für den Aufbau der privaten Altersvorsorge ungeeignet. Für die Politik sollte diese Entwicklung deswegen ein Alarmsignal sein. Es müssen dringend Anstrengungen unternommen werden, um den Bankkunden ihre Verunsicherung zu nehmen.


Der erste und wichtigste Meilenstein hierbei könnte die vor drei Jahren von der EU-Kommission in Angriff genommene Reform der Einlagensicherung in Europa sein. Denn der Aufbau von funktionsfähigen nationalen Sicherungssystemen – nach dem Vorbild des genossenschaftlichen Institutsschutzes – wäre ein wesentlicher Beitrag zur Stärkung des Vertrauens der Kunden in die Banken in ganz Europa.
Leider wurde die Richtlinie zur Manövriermasse bei den Verhandlungen über das Großprojekt „Bankenunion“ gemacht. Diese politische Taktiererei muss jedoch beendet und die Einlagensicherungsrichtlinie unverzüglich verabschiedet werden. Denn Verbrauchervertrauen und Sparerschutz dürfen nicht Opfer von politischem Kalkül werden.