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12.09.2022

Die Energiewende kann nur gemeinsam gelingen

Im Herbst geht die Freiflächen-PV-Anlage der InnHügelLandEnergie eG ans Netz. Doch der neu gegründeten Genossenschaft schwebt noch viel mehr vor, wie Vize-Vorstand Willi Huber berichtet.

Mit welchen Projekten will die InnHügelLandEnergie eG die Energiewende dezentral vorantreiben?

Willi Huber: Wir sprechen zunächst einmal selbstverständlich ausschließlich von Energie aus erneuerbaren Quellen. Wir wollen uns aber explizit von Anfang an nicht nur auf die Energieerzeugung einschränken, sondern sehen für ein regionales Energieprojekt, durch das die Bürger zukünftig bestmöglich profitieren sollen, auch die Themenbereiche Energiespeicherung, Energieverteilung und Energielieferung. Der Themenbereich Energieverteilung kann dabei durchaus auch hin zur intelligenten Energieverteilung erweitert werden, denn in der Synchronisation von Energieerzeugung und Energieverbrauch liegt unseres Erachtens eine Schlüsselaufgabe auf dem Weg hin zur regionalen Energieversorgung. Die erzeugte Energie soll in einem regionalen Kreislauf lokalen Verbrauchern auch wieder zugutekommen.

Das Vorstandstrio der InnHügelLandEnergie eG: Willi Huber (v.l.), stellvertretender Vorsitzender, Thomas Schachner, Vorstandsvorsitzender, Markus Lutz, Vorstandsmitglied.                                                                            Foto: InnHügelLand eG

Wie soll die Energie erzeugt werden?

Huber: Bei der Energieerzeugung steht derzeit die Photovoltaik im Vordergrund. Berücksichtigt sind hierin sowohl Dachflächen- als auch Freiflächenanlagen. Die InnHügelLandEnergie eG startete ja mit einer 5,4 MWp-Freiflächenanlage, so dass unser derzeitiger Fokus auf dem erfolgreichen Start dieses ersten Projektes liegt. Die Planung für ein kommunales Dachflächenprojekt ist bereits weit fortgeschritten, wir planen mit der Umsetzung im Herbst dieses Jahres. Ein weiteres Freiflächenprojekt steht am Anfang der Genehmigungsphase. Für zusätzliche, potenzielle Freiflächenprojekte finden konkrete erste Gesprächsrunden statt.

Haben Sie noch weitere Pläne für die Zukunft?

Huber: Die Energieerzeugung aus Windkraft ist ebenfalls eine Option für die InnHügelLandEnergie eG. Gemäß dem Energieatlas Bayern gibt es in den InnHügelLand-Gemeinden Standorte, die für eine detailliertere Betrachtung als potenzielle Standorte für Windkraftanlagen durchaus infrage kommen. Als Vertreter der InnHügelLandEnergie eG gehen wir davon aus, dass mit dem erforderlichen Kapazitätsausbau für eine gelingende Energiewende der Großteil der möglichen Potentiale zukünftig genutzt werden muss. Vereinzelte Prestigeprojekte reichen hierfür sicherlich nicht mehr aus.

Wie profitieren die Mitglieder von der genossenschaftlichen Energieerzeugung?

Huber: Die Mitglieder der InnHügelLandEnergie eG sollen auf mehrfache Art und Weise von unserem Projekt profitieren können. Der erste, direkte Weg ist eine Beteiligung an der Energiegenossenschaft mit jährlichen Dividendenzahlungen und damit einem finanziellen Erlös aus einer Investition. Gemäß Satzung haben unsere Mitglieder ja darüber hinaus die Möglichkeit, sich an der Ausrichtung unserer Bürgerenergiegenossenschaft zu beteiligen, hier bietet z.B. die Generalversammlung eine Plattform zur Einbringung eigener Ideen. Mit dieser Gestaltungsmöglichkeit können Bürger vor Ort als Mitglieder der InnHügelLandEnergie eG etwa über neue Erzeugungsanlagen oder die Nutzung selbst erzeugter Energie – Verkauf oder Eigenverbrauch –  mit entscheiden.

Im Herbst geht die Freiflächen-PV-Anlage der InnHügelLandEnergie eG ans Netz. Foto: InnHügelLandEnergie eG

Wie ist es überhaupt zur Gründung der Genossenschaft gekommen?

Huber: Ausgangspunkt war ein Projektantrag für eine Freiflächenanlage in der Gemeinde Gars am Inn. Im Verlauf der Antragsbearbeitung und der Genehmigungsphase entstand die Idee, das Projekt auf Basis eines Beteiligungsmodells für die Bürger der Region umzusetzen. Der Schritt hin zu einer Bürgerenergiegenossenschaft war naheliegend, da diese Beteiligungsform ja schon vielfach erfolgreich für die Möglichkeit der Bürgerbeteiligung angewendet wird. Die InnHügelLandEnergie eG hatte mit dem verhältnismäßig umfangreichen Projekt „Solarfeld Innwerksiedlung“ die positive Ausgangssituation, ein Erstprojekt umzusetzen, das gleich stark durch die Öffentlichkeit wahrgenommen werden konnte.

Wer sind die Mitglieder der Genossenschaft und wer die wichtigsten Mitstreiter?

Huber: Maßgeblich am Entstehen der InnHügelLandEnergie beteiligt waren die natürlich die Gründungsmitglieder. Dieser Personenkreis hat sich im Vorfeld der Gründungsversammlung vielfach auch digital getroffen, um das Projekt entstehen zu lassen. Es ging ja auch darum die erforderlichen Aufgaben zu identifizieren und Personen zu finden die sich mit Ihrem Einsatz beteiligen wollen. Aus so mancher Empfehlung eines Teilnehmers dieser Sitzungen sind wichtige Beteiligte geworden die mit Wissen und Tatkraft mitwirken. Erwähnen möchten wir noch die Übernahme von Ämtern durch Bürgermeister einiger beteiligter Gemeinden. Diese Bereitschaft ist der Genossenschaft ein wichtiges Signal gegenüber den Bürgern unserer Gemeinden, dass dieses Vorhaben Unterstützung findet.

Ein wichtiger Partner im Gründungsprozess und darüber hinaus war die EnergieGenossenschaft Inn-Salzach eG. Als befreundete Genossenschaft mit viel Erfahrung steht sie uns bis heute mit Rat und Tat zur Seite und hilft uns bei unserer Entwicklung. Zudem haben wir im Gründungsprozess viel Unterstützung durch den Genossenschaftsverband Bayern erfahren. Vor allem was die Satzung und den Geschäftsplan angeht, hat die GVB uns viel geholfen.

Wie werden die Bürgerinnen und Bürger bei Ihren Projekten mit an Board geholt?

Huber: Die erste Zielstellung der InnHügelLandEnergie eG ist es, den Bürgern der InnHügelLand-Region die Beteiligung an Projekten beim regionalen Ausbau von Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energien zu beteiligen. Die InnHügelLand-Region umfasst die fünf Gemeinden Gars am Inn, Aschau am Inn, Unterreit, Jettenbach und Reichertsheim und repräsentiert seit vielen Jahren ein Kooperationsprojekt innerhalb dieser Gemeinden.

Eine Mitgliedschaft in der InnHügelLandEnergie eG soll grundsätzlich selbstverständlich für Interessenten auch außerhalb der fünf genannten Gemeinden möglich sein. Dies ist jederzeit mit einem Mitgliedsanteil möglich. Bei der Projektfinanzierung arbeiten wir mit einem Stufenkonzept, um die Gründungsidee der regionalen Bürgerbeteiligung zu unterstützen. In einer ersten Phase soll die Möglichkeit der Projektbeteiligung speziell für die Bürger der Region bestehen, in der das Projekt umgesetzt wird – dem Prinzip der Bürgerbeteiligung vor Ort folgend. In Phase zwei wird diese regionale Beschränkung aufgehoben.

Das erste Projekt Solarfeld Innwerksiedlung konnte in einem Zeitraum von vier Wochen ausschließlich durch Bürger der InnHügelLand-Gemeinden finanziert werden. Nach Abschluss der Investitionsphase konnte die InnHügelLandEnergie eG weiterhin Mitglieder mit einem Mitgliedsanteil gewinnen. 95 Prozent unserer Mitglieder kommen derzeit aus den InnHügelLand-Gemeinden, der Rest aus weiteren Regionen Bayerns. Die Mitgliederstruktur ist über alle Altersgruppen verteilt, da erwerben die Großeltern auch schon mal Anteile für ihre Enkelkinder. Was uns als Energiegenossenschaft natürlich besonders freut, sind Mitglieder, die über das reine Investment hinaus auch einen Beitrag zur Energiewende leisten wollen.

Die Energiewende kann nicht von Einzelpersonen oder einer einzelnen Institution alleine bewerkstelligt werden. 

Sie und Ihre Mitstreiter sehen die Energiewende als gesamtgesellschaftliche Aufgabe an. Wieso kann die Energiewende nur gelingen, wenn alle mit anpacken?

Huber: Die Energiewende kann nicht von Einzelpersonen oder einer einzelnen Institution alleine bewerkstelligt werden. Dies gilt vor allem in Anbetracht der erforderlichen Geschwindigkeit, in der diese wichtige Zukunftsaufgabe umzusetzen ist. Am Thema Energiewende haben wir eine ganze Reihe beteiligter Parteien. Wir benötigen die Gruppe der Energieerzeuger um Erzeugungskapazitäten bei erneuerbaren Energien auszubauen, und auch das darf nicht vergessen werden – Unternehmen die dann Strom liefern, wenn die Kapazitäten aus diesen erneuerbaren Energien nicht ausreichend vorhanden sind. Erzeugungsanlagen lassen sich nur dort errichten, wo Eigentümer Flächen für den Bau dieser Anlagen bereitstellen und Genehmigungsbehörden die Projekte genehmigen. Die Energiewende ist ebenfalls auf die Logistikpartner für Energietransport, Verteilung und Vertrieb angewiesen. Eine zentrale Rolle kommt bei der Energiewende jedoch den Bürgern zu. Sie sind Verbraucher, die sich bei der Auswahl ihrer Stromversorgung für oder gegen Strom aus erneuerbaren Energien entscheiden können. Bürger sind auch Wähler, die angefangen von der kommunalen Ebene bis hinauf in die Bundesebene Einfluss auf Umfang und Geschwindigkeit der Energiewende nehmen können. Und zu guter Letzt, und das zeigt sich an der sehr beeindruckenden Anzahl an eingetragenen Energiegenossenschaften, können Bürger auch Investoren sein, die eine Energiewende finanziell unterstützen. Fällt nur ein Bestandteil dieser Kette der genannten Beteiligten aus, kann ein einzelnes Projekt im Rahmen der Energiewende nicht umgesetzt werden. Bei all der sachlichen Betrachtung ist vor allem aber die Dynamik nicht zu unterschätzen, die entsteht, wenn sich eine Mehrheit für einen neuen Weg entschieden hat.

Welche Vorteile sehen Sie in der Rechtsform Genossenschaft?

Huber: Die Genossenschaft ist eine basisdemokratische Gesellschaftsform, in der jedes Mitglied eine Stimme hat – unabhängig von der Anzahl der gezeichneten Anteile. Da die Gesellschaft in erster Linie den Mitgliedern verpflichtet ist, geht es nicht um eine kurzfristige Gewinnmaximierung, sondern um einen langfristigen Nutzen der eingelegten Mitgliedsanteile. Zudem handelt es sich bei der Genossenschaft um eine insolvenzsichere Gesellschaftsform – dazu dient auch die übergeordnete Kontrolle durch den Genossenschaftsverband Bayern. Unabhängig von diesen harten Tatsachen ist die Genossenschaft besonders geeignet, wenn es um so umstrittene Projekte wie größere Freiflächen-Photovoltaikanlagen geht. Durch die Möglichkeit, sich zu beteiligen, steigt die Akzeptanz deutlich. Das war auch bei unserem ersten Projekt der Fall. Die Bürger haben dadurch die Möglichkeit, mitzubestimmen. Außerdem bleibt der Gewinn vor Ort, anstatt an einen anonymen Investor abzufließen.

Wie viele Mitglieder hat die Genossenschaft derzeit?

Huber: Die Beteiligung an der Genossenschaft ist seit Mitte Dezember 2021 möglich. Ende August 2022 hat die InnHügelLandEnergie 178 Mitglieder.

Wie geht es in den nächsten Monaten weiter für die Genossenschaft? 

Huber: Die Errichtung der ersten Anlage ist bereits weitestgehend abgeschlossen. Im Herbst erfolgt noch die Anlage der Grün- und Ausgleichsflächen, schließlich ist mit der PV-Freiflächenanlage auch eine naturnahe Fläche mit hoher Artenvielfalt geplant. Es fehlt nun noch die Trafostation. Sie wird nach Planung im September geliefert, damit kann die Anlage noch im Herbst 2022 erfolgreich ans Netz gehen. Geplant ist außerdem die Umsetzung einer PV-Dachflächenanlage auf einem kommunalen Gebäude. Des Weiteren läuft derzeit ein Antrag auf Errichtung einer weiteren PV-Freiflächenanlage, an der sich über die InnHügelLandEnergie eG wiederum die Bürger vor Ort beteiligen können. Was mittelfristig neben der Standortsuche für PV-Freiflächenanlagen ansteht ist die Auswertung des Potentials für Windkraftanlagen in der Region, um jetzt detaillierter zu bewerten, inwieweit diese Erzeugungsart eine sinnvolle Erweiterung darstellen kann. Die Erzeugung erneuerbarer Energien benötigt einen Mix, um Sonnen- und Windenergie optimal zu ergänzen.

Wie hat Sie der GVB bei der Gründung unterstützt und wie bewerten Sie diese Leistung?

Huber: Die Unterstützung durch den Genossenschaftsverband gibt eine gute Sicherheit bei der Gründung einer Bürgerenergiegenossenschaft. Die Vorbereitungen und die Gründung erforderte die Einarbeitung in eine Vielzahl von Themen, die bei ehrenamtlicher Tätigkeit nicht in Vollzeit erfolgen konnte und bei denen wir nicht in allen Bereichen auf schon langjährige persönliche Erfahrung bauen konnten. Wir hatten die Sicherheit, alle erforderlichen Aspekte auch tatsächlich zu berücksichtigen, ohne Wesentliches zu übersehen, alle Anforderungen korrekt und konform umzusetzen und in vielen Fällen mit den verfügbaren Vorlagen vom Genossenschaftsverband die Möglichkeit diese Ausarbeitungen gleich im erforderlichen Format zu erstellen. Außerdem stand uns mit dem Gründungsberater Max Riedl immer ein kompetenter und hilfsbereiter Ansprechpartner zur Verfügung, der uns bei Fragenstellungen sehr effizient und zeitnah unterstützen konnte.

Welche Hürden mussten Sie bis zur Gründung und bei der Projektplanung überwinden und was können Sie diesbezüglich anderen Genossenschaften in Gründung empfehlen?

Huber: Bei Projekten wie der Gründung einer Energiegenossenschaft ist – speziell in dieser Zeit – sehr schnell eine breite Begeisterung wahrzunehmen. Geht es dann um Engagement und die Übernahme von konkreten Aufgaben wird es schon schwieriger. Sie haben zum einen den zeitlichen Aufwand in Form einer ehrenamtlichen Tätigkeit. Was hinzukommt ist der Aspekt, dass Mitgliedereinlagen von teilweise nicht unerheblichem Umfang auch verantwortungsbewusst verwaltet werden muss. Eine der großen Herausforderungen war zweifelsohne die Personensuche für die Zusammensetzung des Vorstandes und des Aufsichtsrates der InnHügelLandEnergie eG. Es ist schwierig zu dieser Aufgabenstellung konkrete Empfehlungen zu geben, weil es immer die Verfügbarkeit und Bereitschaft einer Gruppe von Engagierten voraussetzt. Es ist sicherlich von Vorteil die Idee einer Bürgerbeteiligung gleich von Anfang an eine breite Öffentlichkeit zu kommunizieren, weil so die Motivation wächst und damit die Chancen auch Personen zu finden, die sich an einem dynamischen Projekt engagieren und dabei sein wollen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Foto oben: Pixabay

Sie möchten auch eine Genossenschaft gründen? Melden Sie sich gerne bei unsem GVB-Expertenteam, das in den vergangenen zehn Jahren mehr als 300 Gründungen betreut hat, darunter auch die InnHügelLandEnergie eG. 

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